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AUFBAU IM UNTERGANG – Teil IX

Februar 2, 2020

Detlef Aberle
AUFBAU IM UNTERGANG

9. KAPITEL

Das Musical "The Fiddler on the Roof" ist zu einem Welterfolg geworden, und zwar nicht nur zu einem Kassen­schlager, der selbst bei mittelmäßiger Besetzung das Theater füllt, sondern immer wieder hört man einige der berühmtesten Songs, wie zum Beispiel die Phantasie des armen Milchmanns Tevje "Wenn ich einmal reich wär'". Die einschmeichelnde leichte Musik und der köstliche Humor der Original­geschichte von Scholem Aleichem haben dazu geführt, dass fast jedermann davon überzeugt ist, eine leichte Operette vor sich zu haben. Und doch haben wir es hier mit einer dramatischen Oper in der Form eines Musical zu tun.

Da war es wieder da, das Aufbau-im-Untergang-Gefühl jener Zeit

Das Operettenhaus zu Hamburg hatte keine Mühe gescheut, eine erstklassige Aufführung zu bieten. Jerome Robbins, Choreograph und Regisseur der "West Side Story", hatte die Gesamtgestaltung des Musicals für Deutschland übernommen. Die Regie in Hamburg führte Karl Vibach. Als Tevje hatte man den israelischen Schauspieler Shmuel Rodensky verpflichtet.
Kaum öffnete sich der Vorhang, war es wieder da, das Aufbau-im-Untergang-Gefühl jener Zeit. Während ein auf einem Dachgiebel sitzender Fiedler eine ein­schmeichelnde Melodie spielt, erklärt Tevje dem Publikum was Tradition sei:

"Ein Fiedler auf dem Dach. Klingt verrückt, nicht wahr? Aber in unserem Dörfchen Anatevka ist das so: jeder von uns ist ein Fiedler auf dem Dach. Jeder versucht eine einschmeichelnde Melodie zu spielen, ohne sich dabei das Genick zu brechen. Das ist nicht leicht.
Nun werdet ihr fragen, warum wir denn eigentlich hier bleiben, wo es doch so gefährlich ist. Ah! Wir bleiben, weil Anatevka unsere Heimat ist. Und was uns unser seelisches Gleich­gewicht erhält, das ist mit einem Wort gesagt: Tradition! Tradition, Tradition! Ohne unsere Tradition wäre unser Leben genau so unsicher wie der Fiedler da auf dem Dach."

Und nun beginnt sich das Leben der armen Famile in Anatevka abzuspielen. Am Anfang ergeben sich rein persönliche Probleme. Wie es die Tradition vorschrieb, hatten die Eltern sich um das Wohl ihrer ältesten Tochter Zeitel bemüht, und sie, mit Hilfe der Heiratsvermittlerin Jente, dem reichen Fleischer Lazar Wolf zugedacht. Zeitel aber liebt seit langem den armen Schneider Mottel und hat sich heimlich mit ihm verlobt. Tevje ist einerseits gekränkt, dass die Tochter nicht vorher die Eltern fragte, wie die Tradition es verlangt. Da er jedoch seine Tochter versteht, übernimmt er es, die Mutter zu überzeugen. So erfindet er einen Traum: Die verstorbene Schwiegermutter und die verstorbene Frau des Fleischers drohen mit fürchterlichen Repressalien, falls die Hochzeit nicht mit dem Schneider stattfindet.

Schon während der Hochzeitsfeier sehen wir eine Szene, die uns irgendwie bekannt vorkommt. Der Wachtmeister erscheint mit einigen Gehilfen, sagt den Anwesenden "sie sollen ruhig weiterfeiern" und zerschlägt den ganzen Hausrat. Bevor er geht, unterlässt er nicht, sich zu entschuldigen. Tevje bleibt ganz verwirrt zurück.

Die Abschiedsszene steht für die Unzahl von herzzerbrechenden Abschieden jener Zeit

Langsam wird die Lage immer bedrückender, denn die Politik mischt sich immer mehr in das an und für sich schon mühsame Familienleben. Die zweite Tochter, Hodel, heiratet einen Studenten, der jedoch aus politischen Gründen verhaftet und nach Sibirien geschickt wird. Die Abschiedsszene zwischen Tewje und Hodel, die ihrem Mann folgt, steht für die Unzahl von herzzerbrechenden Abschieden jener Zeit:

"Gott, bitte beschütze sie, und sorge dafür, dass sie immer warm angezogen ist!"
Nun aber beginnen die Progrome, und die Juden Anatevkas werden zur Auswanderung gezwungen. Innerhalb von drei Tagen müssen sie den Ort verlassen, so lautet der Befehl "von oben". Und als schließlich die Emigranten, ihr Bündel auf dem Rücken, "nach Amerika" ziehen, singen sie:
"Letzten Endes, was gabs denn hier schon groß?
Was war den hier schon los?
Was war denn hier schon da?
Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank.
Leute die mal hier waren können sich später nicht einmal mehr daran erinnern, dass sie hier waren.
Was lässt man hier? Nicht sehr viel außer Anatevka. Anatevka, Anatevka, fröhliches, trauriges Anatevka.
Hier war der Sabbat ja so schön!"

In diesem Moment wusste ich, dass ich meine Jugend sah

In diesem Moment wusste ich, dass ich meine Jugend sah. Wie war der Sabbat hier so schön! Es war also nicht nur mein ganz persönliches Erlebnis, ich teilte es mit vielen, vielen Juden aller Zeiten: Auch sie hatten dem Druck von außen durch Sabbatfreude, durch inneres Licht widerstanden, und dieses Gefühl als Erinnerung an ihre neue Heimat mitgenommen.

Das Publikum klatschte Beifall. Ich war allein

Neben mir sah ich einen Zuschauer sitzen. Er war ein junger typischer Hamburger: Gut gekleidet, ein sauberes und sympathisches Gesicht, er sah die Darbietung mit grossem Interesse, seine Lippen waren leicht geöffnet und formten sich zu einem gutmütigen, fast etwas dümmlichen Lächeln der Sympathie. Nein, es war nichts gegen ihn zu sagen: Er verstand genau um was es ging, er nahm Anteil am Geschehen auf der Bühne, wie er an jeder guten Aufführung Anteil genommen hätte. Aber es war nicht seine Aufführung, er hatte Anatevka nicht verlassen, kannte den Sabbat nicht. Der Vorhang fiel, das Licht ging an, ich sah mich um, das Publikum klatschte Beifall. Ich war allein.

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