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DER PODCAST

Ein Stück Deutschland

"Wir können doch nichts dafür. Deutsch ist und bleibt unsere Muttersprache." In San Miguel, einem Ort nördlich von Buenos Aires, steht das Hogar Adolfo Hirsch, das Altenheim der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens. Ungefähr 170 alte Menschen leben hier, inmitten eines großzügigen blühenden Parkgeländes.

Alle sind Einwanderer der ersten Generation. Sie sind in Deutschland, Österreich oder Ungarn geboren und ihre Lebensgeschichten sind bis heute eng mit Deutschland verknüpft, mit dem Deutschland der Nazizeit. Wir haben 49 von ihnen besucht, um mehr über ihr Leben zu erfahren. Einige haben wir in ihren Zimmern aufgesucht, andere im Park getroffen oder in der Stadt. Hier erzählen 49 Männer und Frauen von ihrer Emigrationsgeschichte, ihrem Verhältnis zu Argentinien und ob sie je darüber nachgedacht haben, wieder in Deutschland zu leben. Die Initiatorin des Projektes, Corinna Below (Journalistin) spricht in diesem Podcast mit ihrem Freund und Kollegen Carsten Janz über die Schicksale der Vertriebenen. Dazu sind Gäste geladen, Experten aber auch Verwandte oder Zeitzeugen. Und auch aktuelle politische Entwicklungen werden hier besprochen. Gegen das Vergessen.

Sprecher Intro - Henrik Hanses

 

 


 

Folge 22

Dies ist ein Text von Sepp Pauli über den Vater von Siegried Bustin. Der Elektromeister, ein Tutzinger Original, schrieb ihn vermutlich in den 1970er Jahren. Später, nach Sepp Paulis Tod, wurde er in den Tutzinger Nachrichten in der Rubrik "Wie es früher war" in der Ausgabe Mai/Juni 1991 veröffentlicht. Ich bekam den Text von der Tutzinger Stadtarchivarin, nachdem ich nach Dokumenten zur Familie Bustin gefragt hatte. Ein Volltreffer, denn als ich zusammen mit dem Fotografen Tim Hoppe 2004 Siegfried Bustin im Hogar Hirsch in San Miguel, Argentinien besuchte, holte er sofort ein Heftchen über sein Heimatdorf Tutzing hervor, um es uns zu zeigen. Darin: genau dieser Text von Sepp Pauli: "Mein Meister Ferdinand Bustin".

Carsten und iich wollten den Text für den Podcast so nutzen, als hätten wir Sepp Pauli interviewt. Carsten fragte unseren Kollegen Henrik Hanses, ob er ihn einsprechen würde. Das hat er gemacht und wir sind begeistert. Weil der Text aber sehr lang ist, haben wir beschlossen, ihn in Folge 21 nur auschnittsweise zu nutzen und das Audio dann in Folge 22 in der gesamten Länge zu veröffentlichen: ein Text, der die alten Zeiten lebendig macht.

 


 

Folge 21

Siegfried Bustin ist 89 Jahre alt, als ich, die Autorin Corinna Below, zusammen mit dem Fotografen Tim Hoppe, ihn 2004 in dem deutsch-jüdischen Altenheim Hogar Hirsch in San Miguel, Argentinien besuchen. Ein kleiner, freundlicher Mann mit traurigen Augen. Zurückhaltend und wie unbeteiligt sitzt er da, auf seinem Stuhl am Tisch in seinem Zimmer Nummer 667. Er zeigt mit einem gewissen Stolz ein Heftchen über Tutzing. Siegfried Bustin bekommt leuchtende Augen, als er die entscheidende Seite aufschlägt, denn auch sein Vater wird erwähnt. Der war vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten einziger Klempner in dem 5000-Seelen-Ort in Bayern und dazu sehr anerkannt und beliebt, so erinnert sich der Sohn. Das ist Jahrzehnte später alles weit, weit weg, aber das Heftchen ruft die Erinnerungen an die schöne Zeit in Deutschland wach, so oft er will.

 


 

Folge 20

Siegfried Bustin kommt als Nachzögling im Jahre 1916 in Tutzing bei München zur Welt. Seine Familie sei die einzige jüdische Familie im Ort gewesen. „Als die Nazis an die Macht kamen, wurden wir trotzdem noch gut behandelt“, erzählt er. Er habe sogar seinen Schulabschluss machen dürfen. Bescheiden, als ob es ein Geschenk war, dass ihm eigentlich nicht zustand. Er erzählt von einer Radreise, die er mit zwei Kameraden nach Berchtesgaden gemacht hat. In einer Herberge pöbelte eine Gruppe Hitlerjugend aus Nürnberg „und die haben mich gefragt, ob ich Jude bin und ich habe gesagt „Ja“.“ Sie hätten ihm nichts Übles getan, erinnert sich der alte Mann heute. Nein, es ist noch gut gegangen. „Sie haben mich durch den Ort geführt und diese hässlichen Lieder gesungen: „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt ...“ Er meint er habe Glück gehabt. Sie hätten ihn ja auch schlagen können. Seinen Freund haben sie sich statt dessen vorgenommen, sozusagen als Judenfreund.

 


 

Folge 19

Edith Weinberg hat ein Erlebnis besonders geprägt. Immer wieder erzählt sie im Interview 2004, dass sie ihre Eltern bei ihrer Flucht aus Nazideutschland nach Argentinien zurücklassen musste. Sie erzählt, wie der Vater in der Pogromnacht festgenommen wurde, dann aber doch wieder freigelassen wurde. Später wurden er und Ediths Mutter dann aber doch im KZ Auschwitz ermordet.
Ihre jüngere Schwester Anni hat den Krieg überlebt und gelangt zu ihrer Schwester nach Buenos Aires. Ein großes Glück für Edith. Genauere Details, Hintergründe, Namen, Daten und Fakten zur Familie und dem Umständen die ich (Corinna Below) während des Interviews 2004 aufgrund der knappen Zeit nicht erfragt hatte, erfahren wir in dieser Folge aber von Sara Elkmann, Volontärin der Städtischen Museen Lemgo.

 


 

Folge 18

Edith Weinberg hat ihre Eltern bei ihrer Flucht aus Nazideutschland nach Argentinien zurückgelassen. Eine traumatische Erfahrung, die ihr Leben geprägt hat. Im Interview mit der Autorin erinnert sie sich daran, als sie sich am Pier in Bremerhaven von ihren Vater verabschieden muss. Da waren ihre "Nervem am zerspringen". Sie hat ihn und auch die Mutter nie wiedergesehen. Sie wurden im Konzentrationslager ermordet. Gelesen wird diese Folge von Eva Diederich.

 


 

Folge 17


 

Dass Bärbel und ihre Schwester aus Deutschland weg müssen, das ist den Eltern früh klar. „Die Jugend hat keine Zukunft“ heißt es damals. Juden dürfen nicht ins Schwimmbad gehen, nicht ins Kino und nicht ins Konzert. Für Bärbel, die ein kulturell interessiertes Mädchen ist, ist das schlimm. Nach 1933 geht sie auf eine jüdische Schule, weil sie das Lyzeum nicht mehr besuchen darf. Sie lernt alles, was sie für die Auswanderung braucht, Sprachen und praktische Sachen, wie Schreibmaschine schreiben und Stenographie. Eigentlich will sie Babyschwester werden. Die Mädels, mit denen sie nun zur Schule geht, kommen aus allen Ecken des Landes. Als sie auf einer gemeinsamen Reise in München sind, beschließen sie, gegen das Gesetz zu verstoßen und in ein Konzert zu gehen. Sie machen sich zurecht und hoffen, dass sie nicht auffallen werden. Sie gehen in kleinen Grüppchen und hören Beethovens Neunte Symphonie. „Wir haben alle geweint.“ Sie versuchen, das Leben trotz der Umstände zu genießen und haben auch viel Spaß miteinander. Doch dann kommt die sogenannte Kristallnacht und alles ist vorbei. Plötzlich heißt es „Raus, ihr müsst weg. Packt eure Koffer und haut ab!“ Jetzt war klar, sie müssen fliehen. Sie sagt: "Wir wussten, wir können nicht länger warten."

 


 

Folge 16

Dass in der Nacht auf den 10. November 1938 die Nazis auch in Nürnberg Synagogen niederbrannten und die Scheiben jüdischer Geschäfte zu Bruch gingen, empfindet Bärbel Oppenheimer heute als persönlichen Glücksfall. Sonst hätte ihre Familie das geliebte Heimatland nie verlassen. Der Vater ist Besitzer einer Weingroßhandlung und einer Likörfabrikation, Träger des Eisernen Kreuzes, Soldat im Kampf fürs Vaterland. Die Mutter, in Nürnberg geboren, half im Lazarett. „Wir waren immer pro-deutsch eingestellt“, erinnert sich die heute 83jährige Tochter. Dass sie und ihre Schwester dennoch aus Deutschland weg müssen, das ist den Eltern früh klar. „Die Jugend hat keine Zukunft“.

 


 

Folge 15

Die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND führt ein ausführliches Interview mit der Historikerin Dr. Gabriele Hammermann. Sie ist Leiterin der KZ Gedenkstätte Dachau.
Das Interview dreht sich um die Fragen, wie die Stimmung in München und Bayern 1929 war, als Familie Brandl aus Argentinien zurück nach München zog, wie offensiv antijüdisch damals die NSDAP bereits aufgetreten ist. Dr. Hammermann ordnet für ESD den ersten Nürnberger Parteitag ein und erzählt, welchen Stellenwert Dachau in der politischen Strategie der Nazis hatte. Sie berichtet, dass die Bevölkerung wusste, was im KZ Dachau, einem Muster-KZ, passiert und dass hier bereits in den ersten Wochen und Monaten Menschen ermordet wurden.

 


 

Folge 14

An Details erinnert sich Cecilia Paschkes heute nicht mehr, aber wie nebenbei sagt sie, „Wie wir weg sind, da sind schon aus Dachau die versiegelten Särge rausgekommen.“ 
Ihr Vater, so erzählt sie, sei 1933 zufällig in Nürnberg gewesen, als die Nationalsozialisten dort ihren Parteitag abhielten. Er habe sofort gewusst, dass er seine Familie in Sicherheit bringen muss.
Zu gehen ist der Jugendlichen nicht schwergefallen, denn die Familie war erst 1929 aus Buenos Aires in Cecilies Geburtsstadt zurückgekommen.
Am eigenen Leib habe sie keinen Antisemitismus erlebt, versichert sie. Die Nachbarn aus dem Haus haben nicht mehr gegrüßt, aus Angst um ihre Kinder. Das erinnert sie noch. Das scheint aber alles gewesen zu sein. Ja, ihre Familie habe Glück gehabt, wie sie sagt. Sie können sich vor den Nazis retten. Ihre Eltern schicken von Argentinien aus Visa an Verwandte. Die lassen dann ihrerseits ihre Verwandten kommen.

Für diese Folge haben wir die Historikerin Dr. Gabriele Hammermann interviewt. Sie ist Leiterin der KZ Gedenkstätte Dachau. Sie berichtet über die politische Stimmung vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in München und Bayern, ordnet die Erzählungen von Cecilie Paschkes historisch ein. Auf die Frage, ob den Menschen bekannt war, was im KZ Dachau passiert, sagt sie: "Es gibt Fotos von Faschinksumzügen, in denen der Spruch, der in Bayern sehr bakannt war "Lieber Gott mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm" zu sehen ist. Insofern war das ein offenes Geheimnis, was hier passiert ist."

 


 

Folge 13

 

Cecilie Paschkes ist 13 Jahre alt, als die Eltern beschließen, so schnell wie möglich aus Nazideutschland nach Argentinien auszuwandern. Zu gehen fällt der Jugendlichen nicht schwer, denn die Familie war erst 1929 aus Buenos Aires in Cecilies Geburtsstadt zurückgekommen. Sie erlebt wenig Anfeindungen, aber "die Nachbarn haben nicht mehr gegrüßt, aus Angst um ihre Kinder.“ Und als sie 1934 ausreisen, „da sind schon aus Dachau die versiegelten Särge rausgekommen“, erinnert sie sich im Interview 2004. Ihr Vater, so erzählt sie weiter, sei 1933 zufällig in Nürnberg gewesen, als die Nationalsozialisten dort ihren Parteitag abhielten. Er habe sofort gewusst, dass er seine Familie in Sicherheit bringen muss.

 


 

Folge 12

 

 

Die junge Berlinerin Edith Horowitz ist frisch verheiratet. Sie und ihr Mann haben schon lange Einreisegenehmigungen für Argentinien. Der Bruder ihres Mannes hatte sie geschickt. Doch sie können sich von Ediths Eltern und der Schwester nicht trennen. "Es war so schwer für uns." Erst ein Jahr später reisen sie aus.

Ediths Familie können sie dann 1938 nicht mehr nachholen. Dem argentinishen Konsul in Berlin sind die Hände gebunden. Ein neues, geheimes Dekret, das sogenannte „Circular 11“, verhindert die Ausreise. Die Direktive hatte der damalige Außenminister Argentiniens auf der Flüchtlingskonferenz in Evian noch vor Ende der Konferenz unterzeichnet. Sie wies die argentinischen Diplomaten in der ganzen Welt an, 

„allen Personen ein Visum – auch ein Touristen- oder Transitvisum – zu verweigern, von denen anzunehmen ist, dass sie ihr Herkunftsland verlassen haben oder verlassen wollen, weil sie als unerwünschte Personen angesehen werden, oder des Landes verwiesen wurden, ganz unabhängig vom Grund ihrer Ausweisung“. 

Ohne das Wort „Juden“ zu benutzen, ist im diplomatischen Jargon der Zeit vollkommen klar, wer mit diesen „Unerwünschten“ gemeint ist. Kurz darauf werden mit dem Präsidentenerlass Nr. 8972 die Einreisebedingungen weiter verschärft.

Eltern und Schwester und fast alle anderen Verwandten werden im Konzentrationslager ermordet.

 


 

Folge 11

Edith Horowitz berichtet im Interview von 2004 von einer Überfall auf ihren Verlobten.
Eines abends bringen Edith, ihr Verlobter und die Schwester eine Freundin zur Bushaltestelle am Berliner Hansaplatz. Das muss Ende 1937 oder Anfang 1938 gewesen sein. Als sie zurück kommen und schon im Hausflur stehen, klopft plötzlich ein Junge von draußen an die Tür. Edith Horowitz klopft auf den Tisch und dann erzählt sie weiter: „und mein Mann, freundlich wie immer, machte dem Jungen die Tür auf. Dann waren plötzlich drei Riesenkerle im Hausflur. Riesengroße Männer, junge Leute, die gleich auf meinen Mann einschlugen.“ Mit der Zeit heilen solche Wunden, doch ist ihr 70 Jahre später die Empörung immer noch anzusehen. Sie erzählt weiter, wie sie und ihre Schwester rauslaufen, um Hilfe zu holen und niemand weit und breit zu sehen ist, „Ich weiß aber auch nicht, ob sich einer eingemischt hätte,“ sagt sie heute. Damals hat sie noch daran geglaubt. Der Geschlagene kommt mit einem blauen Auge davon. Doch später wird sich herausstellen, dass es eine Augenverletzung ist, die ihn fast völlig erblinden lässt. Edith Horowitz sucht auch heute noch nach einer Erklärung. „Ich nehme an, die Männer haben gedacht, der jüdische Junge geht da mit zwei Arierinnen,“ denn sie und ihre Schwester waren blond. Heute ist ihr Haar schneeweiß.

In dieser Folge haben wir den Sozialwissenschaftler und Antisemitismusexperten Daniel Poensgen zu Gast. Er promoviert zum Verhältnis von politischer Kultur des Staates und Antisemitismus und arbeitet als wissenschaftlicher Referent des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS). RIAS ist eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle: Betroffene und Zeug*innen können ihre Erlebnisse auf der Webseite, aber auch telefonisch, über Social Media oder per E-Mail melden. RIAS dokumentiert die Vorfälle aus Perspektive der Betroffenen und vermittelt bei Bedarf weitere Beratung. Nachdem das Projekt mit RIAS Berlin startete, kooperieren derzeit im Rahmen des Bundesverbandes RIAS Meldestellen aus mehreren Bundesländern miteinander.

Mit Daniel Poensgen sprechen wir über die antisemitische Gewalt, die Edith Horowitz und ihr Verlobter in Berlin 1938 erlebt haben. Wir reden aber auch darüber, inwiefern so ein Vorfall auch heute noch passieren kann oder passiert. Daniel Poensgen erzählt, wie viele Vorfälle antisemitischer Gewalt es heute gibt, wie Jüdinnen und Juden Gewalt und Beleidigungen erleben, ob sie sich, wie Edith Horowitz damals, möglicherweise auch heute durch die Polizei nicht geschützt fühlen. Und zuletzt geht es auch darum, was jede*r einzelne heute gegen antisemitische Gewalt tun kann.

 


 

Folge 10

Sie hat ein gutes Leben in Berlin. Edith Horowitz lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester in einer schönen Berliner Wohnung mit Dachterrasse. Ihr Verlobter lebt in der Nähe in einem möblierten Zimmer und kommt in seinen Mittagspausen immer zum Essen. Sie hängen alle sehr aneinander.
Ediths zukünftiger Schwager ist Schiffsbauingenieur und bereist die Welt. Als er 1935 oder 1936 in Deutschland ist, wann das genau war, weiß Edith Horowitz heute nicht mehr, legt er seinen Geschwistern und seiner Mutter nahe, so schnell wie möglich nach Argentinien oder in die USA auszuwandern. Dann reist er wieder ab. Kurz darauf schickt er llamadas, auch an Edith und seinen Bruder. Doch Edith kann sich nicht entscheiden zu gehen. „Es war so schwer für uns. Wir konnten uns nicht von meiner Familie trennen.“ Also schieben sie die Ausreise vor sich her. Doch der Schwager, der die Situation von außen besser beurteilen kann, wie sie heute weiß, drängt das Paar, „Kommt. Nehmt doch nur einen Koffer und kommt, um Gottes Willen!“ schreibt er in einem Brief, „Ihr könnt nicht warten.“

 


 

Folge 9

Eines weiß sie sicher. „Ich bin mehr Berlinerin als sonst was!“ Und trotzdem ist Berlin nicht mehr ihre Heimat. Eine neue Heimat hat die Vertriebene erst spät gefunden. Nicht auf dem Land im Norden Argentiniens, wo sie zusammen mit ihrem Mann, dem Bruder und ihren Eltern nach der Flucht Landwirtschaft betreibt, unter den primitivsten Bedingungen. Hier muss die Hutmacherin Kühe melken und Heuschrecken bekämpfen. 
Eine Heimat findet sie auch nicht in Buenos Aires, wo sie später lebt und ihre Kinder groß zieht. Eine neue Heimat findet sie erst auf ihrer letzten Lebensetappe im hohen Alter, im Hogar Hirsch, dem Altenheim für Deutsch sprechende Jüdinnen und Juden Argentiniens. Hier, 11.915 Kilometer von Berlin entfernt, existiere jüdische Leben, erzählt sie. „Hier habe ich das jüdische Leben zum ersten Mal so richtig kennengelernt. Hier in San Miguel gehöre ich eigentlich am allermeisten dazu. Das ist komisch, nicht?“ 

Sie sagt, es sei alles so über sie hinweggekommen. Die Veränderungen, nachdem die Nazis die Macht übernommen hatten, habe sie erst gar nicht so wahrgenommen, aber dann habe sie ihre Stelle als Hutmacherin verloren, weil sie Jüdin war. Heiraten sollte sie. Damit sie nicht als ledige Frau auswandern müsse. Beim jüdischen Hilfsverein habe man ihr einen jungen Mann vorgestellt. Den habe sie dann geheiratet. Sie habe das alles einfach so hingenommen. Fragen habe sie nie gestellt.

 


 

Folge 8

Eines weiß sie sicher. „Ich bin mehr Berlinerin als sonst was!“ Und trotzdem ist Berlin nicht mehr ihre Heimat. Eine neue Heimat hat die Vertriebene erst spät gefunden. Nicht auf dem Land im Norden Argentiniens, wo sie zusammen mit ihrem Mann, dem Bruder und ihren Eltern nach der Flucht Landwirtschaft betreibt, unter den primitivsten Bedingungen. Nicht in Buenos Aires, wo sie später lebt und Kinder bekommt. Eine neue Heimat findet sie erst im hohen Alter, im Hogar Hirsch, dem Altenheim für Deutsch sprechende Jüdinnen und Juden Argentiniens, 11.915 Kilometer von Berlin entfernt. Hier existiere jüdische Leben. Hier habe sie das jüdische Leben zum ersten Mal so richtig kennengelernt. Und sie resümiert: „Hier in San Miguel gehöre ich eigentlich am allermeisten dazu. Das ist komisch, nicht?

 


 

Folge 7

Ein Stück Deutschland, das sind 49 Menschen mit 49 bewegenden Geschichten. Jüdinnen und Juden, die nach Argentinien geflohen sind und in einem deutschsprachigen Altenheim in Bounos Aires leben. In dieser siebten Folge stellen wir euch Juan Breitbart vor, der durch die Flucht von seiner Familie getrennt wurde. In dieser Folge zu Gast: Sonja Mühlberger.

 


 

Folge 6

Er sagt, seine Mutter hätte ihn zweimal geboren. Einmal am 25. September 1916. In Berlin. Dann nochmal am 13. September 1938, wenige Tage vor seinem 22 Geburtstag. Da flieht er nach Bulgarien, dann nach Paris und bald über Genua nach Montevideo, Uruguay. Nur seiner Mutter habe er das zu verdanken, erzählt er im Interview 2004. Er flieht ganz allein und bleib allein. 13 Jahre lang. Im Hogar Adolfo Hirsch, dem Altenheim für Deutsch sprechende Jüdinnen und Juden spielt der Junggeselle entweder mit sich selbst Schach, liest oder pflegt die Blumen auf seinem Balkon und noch dazu die seiner Zimmernachbarin, denn sie hat nicht so viel Sinn für Pflanzen wie er. Kontakt zu den anderen Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern ist ihm nicht so wichtig. Er ist es gewöhnt, allein zu sein.

 


 

Folge 5

Das Erinnerungsprojekt "Ein Stück Deutschland" lebet neben den Texten im besonderen Maße auch von den 49 Portraitfotos, die 2004 entstanden sind. Seit 27 Jahren ist Tim Hoppe Fotograf. Aber viel früher schon wusste er, dass er genau das machen wollte: Ständig Neues kennenlernen, ihm unbekannte Orte sehen und spannende Persönlichkeiten treffen. Er wollte immer wieder neue Themen und Gebiete entdecken, die er vorher nicht kannte und konnte dann feststellen, „dass eigentlich jedes Thema interessant ist, wenn man sich damit beschäftigt.“
Menschen zu portraitieren mag er besonders. Schon das gesamte Drumherum gefällt ihm, dass er im Vorfeld viel über die Person erfährt, die er fotografieren wird. Er sieht seine Aufgabe darin, ihre Lebensgeschichte zu konservieren. Er sagt: „Jeder Mensch und jedes Gesicht ist einzigartig und hat eine einzigartige Geschichte.“
„In San Miguel, im Hogar Adolfo Hirsch, war besonders spannend, dass wir auf sehr viele extreme, berührende und traurige Lebensgeschichten auf engem Raum gestoßen sind. Das war sehr intensiv“, erzählt er. „Viele Erlebnisse aus einem langen und erlebnisreichen Leben lassen sich im Gesicht von älteren Menschen erkennen. Positive, wie negative. Es ist immer eine Herausforderung, das im Laufe des Shootings auf ein Bild zu bekommen.“

 


 

Folge 4

"Ständig stirbt jemand.“ Sorge macht sich breit, dass es dieses Heim vielleicht irgendwann nicht mehr geben wird. Alle hängen an diesem Ort. Das Hogar Adolfo Hirsch ist so etwas wie eine Heimat. Ein Stück Deutschland eben.

In dieser Reportage begleitet die Autorin Corinna Below die chicas del lunes, die Montagsmädchen einen Tag lang. Sie besuchen alte Menschen, deren Geschichten viel mit ihrer eigenen zu tun hat. Sie sind ehrenamtliche Helferinnen im Hogar Hirsch, dem Altenheim für die deutschsprechende Jüdinnen und Juden Argentiniens.
Gegründet wurde das Heim durch die Asocioción Filantrópica Israelita, dem Jüdischen Hilfsverein, im Oktober des Jahres 1940 für die älteren Deutsch sprechenden jüdischen Immigranten aus Europa. Immer war das Heim eine angesehene Adresse, bekannt über die Landesgrenzen hinaus. Und im Leben der chicas spielt es eine große Rolle. Das Heim ist für sie und alle die dort leben der Ort, an dem sich ihre Geschichten treffen. Ein Ort, der ihre Identitäten wiederspiegelt. Denn alle sind durch ihre Flucht aus Nazideutschland und ihrer Beziehung zum Land ihrer Väter und Mütter eng verbunden.

 


 

Folge 3

Ein Stück Deutschland, das sind 49 Menschen mit 49 bewegenden Geschichten. Jüdinnen und Juden, die nach Argentinien geflohen sind und in einem deutschsprachigen Altenheim in Buenos Aires leben. In dieser dritten Folge sprechen wir über die Geschichte von Hanna Grünwald, aus Bockenheim an der Weinstraße, Jahrgang 1905. 1928 heiratet sie und zieht mit ihrem Mann Fritz nach Essen. Zehn Jahre später flieht Sie mit ihm und ihrer zwei Jahre alten Tochter Renate nach Argentinien. Die Flucht ist allerdings eine monatelange Odyssee durch Europa. Bis zuletzt bleibt es unsicher, ob sie das rettende Schiff erreichen können. In Interviews aus den Jahren 2000 und 2004 erzählt Hanna ausführlich davon. Uns hat interessiert, wie sie die Erlebnisse verbreitet hat, ob sie nach dem Krieg Groll gegen Deutschland empfunden hat, denn wie so viele jüdische Emigrant*innen hat auch sie Familienmitglieder durch den Holocaust verloren. Und uns hat interessiert, wie es weiterging. Auch lassen wir ihre Tochter und ihren Enkelsohn erzählen, welchen Einfluss die Flucht auf sie bis heute hat. Zuallerletzt geht es in dieser Podcast-Folge um den dritten Lebensabschnitt von Hannah Grünwald, ihrer Zeit als "china del lunes", als Montagsmädchen im Altenheim Hogar Hirsch, einem Stück Deutschland, ihrem zweiten Zuhause. Hier ist ehrenamtliche Helferin bis zu ihrem 95. Lebensjahr. Sie stirbt vier Jahre später, kurz vor ihrem 100. Lebensjahr.

 


 

Folge 2

Jeden Montag ist sie zusammen mit den anderen chicas del lunes, den Montagsmädchen, nach San Miguel rausgefahren, zum Hogar Adolfo Hirsch, 25 Jahre lang. Immer zurechtgemacht, immer trug sie Lippenstift auf, passend zur Bluse und zur Jacke, je nach Jahreszeit. Nun fahren die chicas del lunes schon seit Jahren ohne ihre Kollegin und Freundin Hanna, denn irgendwann musste sie einen Schlussstrich ziehen. Ihr 95. Geburtstag stand kurz bevor, und damit war sie älter als die meisten Bewohnerinnen und Bewohner, die sie betreute. Der Arbeit als freiwillige Helferin fernzubleiben ist ihr sehr schwer gefallen. „San Miguel war für mich immer so etwas wie mein zweites Zuhause.“ Aber auch dieser Abschied ist nun schon einige Jahre her.

 


 

Folge 1

Ein Stück Deutschland, das sind 49 Menschen mit 49 bewegenden Geschichten. Jüdinnen und Juden, die nach Argentinien geflohen sind und in einem deutschsprachigen Altenheim in Bounos Aires leben. In dieser ersten Folge stellen wir euch das Projekt vor. Wer sind diese Menschen? Wie ist Corinna darauf gekommen, alle zu interviewen und ein Buch über ihre Geschichten zu schreiben? Was ist das "Hogar Aldolfo Hirsch"? Aber auch wir Autoren stellen uns vor.

 


 

TRAILER - DER PODCAST

Ein Stück Deutschland - das sind 49 Geschichten deutscher und österreichischer Jüdinnen und Juden. Menschen, die in der Zeit von 1933 bis 1941 vor den Nazis nach Argentinien geflohen sind. Dort sind vor 16 Jahren Interviews entstanden.

Mein Name ist Corinna Below. Ich habe die Interviews damals geführt. 2016 habe ich ein Buch daraus gemacht. Mein Kollege Carsten Janz hat mich zwei Jahre später motiviert, über social media mit den Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Jetzt also auch als podcast.

Wir hören uns Interviews gemeinsam an und diskutieren drüber. Wie haben die 49 den Faschismus erlebt? Was hat sie dazu gebracht, zu fliehen? Wer hat ihnen geholfen? Haben Sie Familie zurücklassen müssen und durch den Holocaust verloren? Wie gelang der Neustart fast 12.000 Kilometer von der Heimat entfernt? Und wie ist ihr Verhältnis zu Deutschland am Ende ihres Lebens?