Toggle Menu

DER PODCAST

Ein Stück Deutschland

"Wir können doch nichts dafür. Deutsch ist und bleibt unsere Muttersprache." In San Miguel, einem Ort nördlich von Buenos Aires, steht das Hogar Adolfo Hirsch, das Altenheim der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens. Ungefähr 170 alte Menschen leben hier, inmitten eines großzügigen blühenden Parkgeländes.

Alle sind Einwanderer der ersten Generation. Sie sind in Deutschland, Österreich oder Ungarn geboren und ihre Lebensgeschichten sind bis heute eng mit Deutschland verknüpft, mit dem Deutschland der Nazizeit. Wir haben 49 von ihnen besucht, um mehr über ihr Leben zu erfahren. Einige haben wir in ihren Zimmern aufgesucht, andere im Park getroffen oder in der Stadt. Hier erzählen 49 Männer und Frauen von ihrer Emigrationsgeschichte, ihrem Verhältnis zu Argentinien und ob sie je darüber nachgedacht haben, wieder in Deutschland zu leben. Die Initiatorin des Projektes, Corinna Below (Journalistin) spricht in diesem Podcast mit ihrem Freund und Kollegen Carsten Janz über die Schicksale der Vertriebenen. Dazu sind Gäste geladen, Experten aber auch Verwandte oder Zeitzeugen. Und auch aktuelle politische Entwicklungen werden hier besprochen. Gegen das Vergessen.

Sprecher Intro - Henrik Hanses

 

Gemischt werden die Folgen von unserem Kollegen Philipp Teichert und seiner Firma FLUID SOUND. Er macht das ganze ehrenamtlich. Dafür sagen wir: Danke Dir!

 


 

 


 

 


 

Folge 47

Die kleine Edith war noch keine sieben Jahre alt, als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde. Für sie und ihre Familie begann unmittelbar eine Zeit der judenfeindlichen Schikane und des Terrors.
Im Interview von 2004 kann sie sich daran nur schwach erinnern. Leider, sagt sie, weil sie die ganze Geschichte wahrscheinlich besser verstehen könnte und Gott sei Dank, weil sie sich eigentlich gar nicht erinnern möchte. Ihre Eltern entscheiden am Ende auch der Kinder wegen, das Land zu verlassen. Familie Marx flieht bereits 1935 nach Argentinien.
Edith resümiert, fast 70 Jahre nach der Flucht: "Es war sehr hart, aber wir waren in Freiheit."
Die Schauspielerin Lena Klenke liest ihre Geschichte.

 


 

Folge 46

Titelbild #46ESD

Titelbild #46ESD

Diese Folge startet mit der Ankunft in Buenos Aires, Argentinien im September 1936. Das Problem: Familie Marx hat keine Visa für Argentinien. Viel mehr soll hier noch nicht verraten werden. So viel dennoch vorab: der Start ist hart. Schlechte Wohn- und Arbeitsbedingungen machen der Familie das Leben schwer und mit Antisemitismus bekommt es Rut auch in der neuen Heimat zu tun. Aber Rut hat auch viel Schönes zu berichten.

 


 

Folge 45

Titelbild #45ESD

Um die Fluchtgeschichte von Rut Marx zu verstehen, muss man weit zurückgehen. Eine zentrale Rolle spielt ihr Vater und vor allem seine Herkunft. Als Jugendlicher flieht er ins Deutsche Reich, wird zu Beginn des 1. Weltkrieges festgenommen, musst Zwangsarbeit leisten, kommt frei, macht im Breslau in der Zeit der Weimarer Republik Karriere und heiratet. Alfred Kagan und die deutsche Jüdin Edith Kramer bekommen 1932 ihr erstes und einziges Kind: Rut. Doch das Glück währt nicht lange. Nur ein halbes Jahr später kommen die Nazis an die Macht und Ruts Vater wird festgenommen und in einem Konzentrationslager festgehalten. Er kommt frei und die Familie flieht zunächst in die Tschechoslowakei. Für Alfred Kagan ist es die zweite Flucht. Drei Jahre später werden sie denunziert und sie haben wieder nur wenige Stunden Zeit, um zu fliehen. Dieses Mal soll Paraguay das Ziel sein, doch es kommt anders.
In dieser Folge erzählen wir die Geschichte der Familie Kagan bis zu ihrer Ankunft im "Hotel des los Inmigrantes" am 26. September 1936, im Hafen von Buenos Aires.

 


 

Folge 44

„Wie konntet ihr so blöd sein?“, hat sie ihre Eltern immer wieder gefragt. „Hab ihr denn das nicht gemerkt, gesehen und gelesen?“ Rut Marx konnte nie verstehen, dass es zu der massenhaften Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden kommen konnte. Und sie hatte Wut im Bauch. Eine Wut gegen alles Deutsche, auch gegen das Deutschsein der Eltern.

So beginnt der Text, den ich 2004 über Rut Marx für EIN STÜCK DEUTSCHLAND geschrieben habe. Es ist ein Text über eine, die alles Deutsche ablehnt, zunächst. Rut lernt dann aber ausgerechnet den deutschen Juden Hans kennen und weil die Schwiegereltern darauf bestehen, dass sie Deutsch spricht und sie in den 1980er Jahren mehrfach mit ihm in seine alte Heimat Landau reist, fängt sie doch an, sich auch mit ihrer eigenen deutschen Herkunft auseinanderzusetzen.

 


 

Folge 43

Vor Jahren schon haben Tim Hoppe, der Fotograf von EIN STÜCK DEUTSCHLAND und ich, die Autorin, nach einer Möglichkeit gesucht, die Fotos und die Geschichten auszustellen. Das war ursprünglich unser Plan. Bei der Recherche im Internet bin ich auf das Exilmuseum Berlin gestoßen und dachte: perfekt!, musste dann aber feststellen, dass das Museum bislang nur als Idee existiert. Seitdem stehe ich in Kontakt mit den Macher:innen.
Im Oktober 2022 war ich zur Eröffnung der sogenannten Werkstatt Exilmuseum eingeladen und bin mit meinem Mann hingefahren. Etwa 100 geladene Gäste. Darunter Schirmherrin und Schirmherr Herta Müller und Joachim Gauck, Lea Rosh, Can Dündar, zwei ehemalige Berliner Bürgermeister. Erst vor Ort habe ich überlegt, eine Podcast-Folge daraus zu machen. 
Meiner Dreistigkeit habe ich zu verdanken, dass ich ein Interview mit Joachim Gauck machen konnte. Ich hatte es nämlich vorab nicht beim Bundespräsidialamt angefragt.
Außerdem habe ich viele weitere Interviews mit denjenigen geführt, die sich seit Jahren Gedanken darüber machen, wie dieses Exil-Museum aussehen wird, was dort zu sehen sein wird.
Nun ist es unmittelbar nach dem Auftakt der Werkstatt Exilmuseum nicht zu einer Podcastfolge gekommen, weil mein Podcast-Partner Carsten und ich andere Lebens-Geschichten erst einmal zu Ende erzählen wollten.
Fast ein Jahr später war ich wieder in Berlin, um mir in der Werkstatt Exilmuseum eine sogenannte Immersive Audio-Installation anzusehen, besser gesagt, anzuhören. Sie zeigt, was im zukünftigen Museum möglich ist, um Exil begreifbar zu machen.
Was eine Immersive Audio-Installation ist und was sie als neues Format der Vermittlung so extrem geeignet macht, lassen wir uns vom Regisseur Walter Meierjohann und dem Schauspieler Bjarne Mädel erklären. Außerdem kommen weitere Macherinnen der Werkstatt Exilmuseum zu Wort.

 


 

Folge 42

Der Kampf um "Wiedergutmachung" geht in dieser Folge zu Ende:
Edith Sichel erhält insgesamt 10.000 DM von der Hamburger Sozialbehörde. Diese sieht es zuletzt als bewiesen an, dass Edith durch die erzwungene Emigration nach Argentinien einen "Ausbildungsschaden" erlitten hat. Den finanziellen Schaden, der ihr durch die Flucht entstanden ist, kann damit aber bei Weitem nicht kompensiert werden. Edith hatte bis an ihr Lebensende immer wenig Geld. Es sei ihr unmöglich gewesen, damit auszukommen, sagte sie 2004. Sorgenfrei konnte sie dann aber im Hogar Hirsch leben, dem Altenheim für Deutsche sprechende Jüdinnen und Juden.

Auch wenn Ediths Leben durch die Flucht aus Nazideutschland steinig war, so blickt sie im Interview 2004 doch sehr positiv auf ihr Leben zurück und sieht vor allem, dass sie Glück gehabt hat.
Doch ein Schmerz bleibt: Ediths Opa, ihr Onkel, dessen Frau und Tochter und viele ihrer Klassenkameradinnen aus ihrer Hamburger Schule, sind im KZ umgekommen. „Sehr, sehr traurig“ schließt sie das Interview. Doch dann fügt sie doch noch hinzu: „Aber viele haben sich sicher auch retten können.“ Bis zu ihrem Tod im November 2021 ist Edith Sichel ein sehr positiv denkender Mensch geblieben.

In dieser Folge erzählt neben Edith auch ihre jüngere Schwester Sigrid, die ich im August 2023 über WhatsApp interviewen konnte, nachdem ich erfahren hatte, dass sie noch lebt. Was für ein großes Glück! Sie konnte einige meiner Fragen beantworten, die ich zu Ediths Geschichte hatte. Außerdem hat ihre Tochter Ruth Fotos geschickt, die nun auf Ediths Seite von EIN STÜCK DEUTSCHLAND zu sehen sind. Fotos aus der Zeit der Kindheit in Hamburg, von der Überfahrt nach Buenos Aires, der Hochzeit von Sigrid, auf dem Sigrid eine junge Frau ist.

 


 

Folge 41

In dieser Folge geht es um das große Glück, das Ediths Familie widerfährt, als ein Mann sie vor dem warnt, was auf Jüdinnen und Juden zukommen wird. Daraufhin entschließen sich Ediths Eltern zur Flucht aus Nazideutschland. Erst geht der Vater aufs Schiff, später die Mutter, Edith und ihre drei Geschwister. Dieses mal geht es nicht nach Brasilien, sondern nach Argentinien und ein ungewohntes, völlig neues Leben beginnt ...

In dieser Folge kommt neben Edith selbst auch Christina Igla von der Hamburger Stolperstein-Initiative zu Wort. Mit ihr war die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND, Corinna Below, im Hamburger Staatsarchiv, um die sogenannten Wiedergutmachungsakten von Edith und ihrem Vater Kurt Brauer durchzuarbeiten. Die wichtigsten Dokumente aus beiden Akten haben befreundete Kolleg:innen vom NDR für EIN STÜCK DEUTSCHLAND eingesprochen, sodass auch sie zu hören sind. Sie geben zum Einen spannende Eiblicke in den Behörden-Jargon der Nachkriegszeit, zum anderen aber auch in das Leben im Exil im Norden Argentiniens, von dem die Briefe an das Hamburger Sozialamt Ende der 1950er Jahre berichten. So erfahren wir einiges über das Leben in der jüdischen Siedlung Moisesville. Hier versuchen die Eltern von Edith, Martha und Kurt, mithilfe der Kinder, Landwirtschaft zu betreiben. Das Leben auf dem Land ist ungewohnt und mühsam. Auch Edith muss helfen. Sie kann nur drei weitere Jahre zur Schule gehen. Die weiterführende Schule ist zu weit weg. Für die Fahrt fehlt den Eltern das Geld. Edith kann keinen Schulabschluss machen. Eine Ausbildung zur Modistin oder Schneiderin bleibt ihr verwehrt.
Wird sie dafür eine finanzielle Wiedergutmachung bekommen? Das erfahren die Hörer:innen in der nächsten Folge. Wir diskutieren außerdem, wie der Begriff der Widergutmachung zu verstehen ist, wie er gemeint war und wie wir ihn heute empfinden.

 


 

Folge 40

Als ich Edith Sichel 2004 in San Miguel, Argentinien, interviewt habe war das erste, was sie mich fragte: „Kennen Sie die Karolinenstraße? Schule Karolinenstraße? Da sind wir in die Schule gegangen.“ Daran hat sie sich damals noch sehr lebhaft erinnert und davon konnte sie erzählen. Sie hat diese Schule geliebt. Eine jüdische Schule. Ich wohne ganz in der Nähe. Im Zuge der Recherchen für den Podcast habe ich Kontakt zur Schule aufgenommen. Allerdings ist sie heute eine Gedenkstätte: Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße in Hamburg. Die Leiterin der Gedenkstätte Dr. Anna von Villiez hatte nach meiner ersten Anfrage von 2019 über Edith Sichel, geborene Brauer, nichts finden können. Jetzt hat sie noch mal intensiver geschaut und hatte dann, als ich für ein Interview bei ihr vorbeikam eine Überraschung für mich parat. Für diese und auch die nächste Folge war ich auch wieder mit Christina Igla von der Hamburg-Eppendorfer Stolperstein-Initiative unterwegs. Dieses Mal habe ich sie ins Hamburger Staatsarchiv begleitet, um die sogenannten Wiedergutmachungsakten von Edith und ihrem Vater einzusehen. Wahnsinn, was alles aus ihnen herauszulesen war! Dazu mehr in dieser und der nächsten Folge.

 


 

Folge 39

Als ich, die Autorin dieses Podcasts, Corinna Below, das Interview mit Edith Sichel von 2004 für den Podcast vorbereite, da denke ich: Was für eine positive Frau! Was für eine weiche, herzliche Stimme. Sie spricht so warmherzig von ihrer Hamburger Grundschule, der Schule Karolinenstraße. „Das war eine schöne Schule, muy linda!“ Eine jüdische Schule. Gerade erst hatte sie ein Buch über die Schule gelesen und erfahren, welche von ihren ehemaligen Freundinnen und Mitschülerinnen im Holocaust ermordet worden waren. Edith Sichel war 10 Jahre alt, als sie it ihren Eltern und den drei Geschwistern auswandern konnte. Der Vater war bereits 1933 gekündigt worden und ein Mann in Uniform, so erinnert sich Edith Sichel, habe die Familie schon früh gewarnt, sie sollten so schnell wie möglich das Land verlassen.

 


 

Folge 38

Dies ist eine von zwei ergänzenden Folge zu den Folgen 18 und 19 über Edith Weinberg. Hier fließt eine Reise mit ein, die der EIN STÜCK DEUTSCHLAND Fotograf Tim Hoppe und die Autorin Corinna Below im vergangenen Sommer nach Silixen und Lemgo gemacht haben. Dort haben sie spannende Menschen getroffen. Unter anderem einen Punk-Musiker und einen Wohnungsverwalter, die sich gemeinsam gegen Rechtsextremismus in ihrer Region einsetzen. Sie wollen am Geburtshaus von Edith und ihrer Schwester Anni eine Tafel anbringen, die daran erinnern soll, dass die Eltern Isaak und Johanna Kath 1944 im Theresienstadt ums Leben gekommen sind.
Im Anschluss waren sie in Lemgo, wo Ediths Familie seit 1915 gelebt hat. Zusammen mit einer Historikerin sind Tim Hoppe und Corinna Below auf den Spuren der Familie Katz unterwegs. Die Folge erzählt, wie heute an die Familie gedacht wird.

 


 

Folge 37

Dies ist eine von zwei ergänzenden Folge zu den Folgen 18 und 19 über Edith Weinberg. Hier fließt eine Reise mit ein, die der EIN STÜCK DEUTSCHLAND Fotograf Tim Hoppe und die Autorin Corinna Below im vergangenen Sommer nach Silixen und Lemgo gemacht haben. Dort haben sie spannende Menschen getroffen. Unter anderem einen Punk-Musiker und einen Wohnungsverwalter, die sich gemeinsam gegen Rechtsextremismus in ihrer Region einsetzen. Sie wollen am Geburtshaus von Edith und ihrer Schwester Anni eine Tafel anbringen, die daran erinnern soll, dass die Eltern Isaak und Johanna Kath 1944 im Theresienstadt ums Leben gekommen sind.
Im Anschluss waren sie in Lemgo, wo Ediths Familie seit 1915 gelebt hat. Zusammen mit einer Historikerin sind Tim Hoppe und Corinna Below auf den Spuren der Familie Katz unterwegs. Die Folge erzählt, wie heute an die Familie gedacht wird.

 


 

Folge 36

Im September 2019 ist die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND mit der Kamerafrau Berit Ladewig nach Buenos Aires, Argentinien geflogen, um mit den verbliebenen Protagonistinnen aus dem Projekt zu drehen. Die Idee war, über die geschriebenen Geschichten hinaus ihre Erinnerungen an die Nazizeit und an ihre Flucht vor der Verfolgung im Film festzuhalten. Ein Dokumentarfilm sollte entstehen. Doch es fehlte noch wenige Monate vor dem Abflug an allem Möglichen. Es fehlte die Ausrüstung, es fehlte eine Person vor Ort, die den Dreh vorbereitet und es fehlte vor allem an Geld.
Der Film ist ein Gemeinschaftswerk. Darum geht es in dieser Folge. Zusammen mit Carsten Janz erzählt Autorin Corinna Below sozusagen hinter den Kulissen. Sie erzählen, wie es zu der Idee kam und wer alles mitgemacht hat. Im Interview: die Kamerafrau Berit Ladewig und Saskia Gottstein, die damals in Buenos Aires lebte, durch eine glückliche Fügung zum Projekt gestoßen ist und dann eine sehr wichtige Rolle spielen sollte.
Corinna Below: "Am Beispiel des Films wird extrem klar, dass man sowas nicht alleine schaffen kann."
Glück spielt beim Filmprojekt eine große Rolle. Das gab es in großen Portionen.
Und so ist diese Folge auch eine Folge über die Kraft der Gemeinschaft und über große Dankbarkeit. Diese Folge ist allen Unterstützer:innen gewidmet.

 


 

Folge 35

Zwei Monate war Edith mit ihren Eltern unterwegs gewesen, bevor sie nach viel Angst und Ungewissheit endlich im Hafen von Buenos Aires Anfang Oktober 1939 ankamen. Begrüßt von der ICA, der Jewish Colonisation Association kamen sie zunächst in einer Pension unter, bevor sie mit dem Zug nach Entre Ríos fuhren, aufs Camp, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch das Leben auf dem Land nördlich der Provinz Buenos Aires, ist viel härter, als siech die Kaufmannsfamilie hätte vorstellen können. Edith und die anderen Mädchen gehen nach Buenos Aires, um dort als Hausmädchen zu arbeiten. Sie alle schicken Geld aufs Camp. Denn die Eltern hatten noch nicht mal Geld, um Essen zu kaufen. Sie geht aus Sehnsucht bald zurück aufs Camp und heiratet dort Dieter Nassau, ebenfalls Flüchtling, ebenfalls aus dem Ruhrpott, ein Dortmunder. Sie gehen zusammen nach Buenos Aires und bekommen zwei Kinder.
In dieser Folge geht es um den Neuanfang von Edith in der Fremde. Das neue Leben hält ein paar Rückschläge und Schicksalsschläge bereit. Dennoch verliert sie nie den Mut und die Zuversicht.
Wir kehren in dieser Folge auch zurück nach Lünen Mitte Juni 2022. Wir sind ei der Stolpersteinverlegung für Edith und ihre Eltern dabei. Wir hören den Bürgermeister, den Initiator der Stolpersteininitiative Gunter Demnig, Udo Kath und Gisela Sons von der Lüner Stolpersteininitiative, drei Stolperstein-Pat:innen. Wir hören aber auch die Tochter von Edith, Marianna und Ediths Schwiegersohn Jorge. Marianna erzählt, wie sehr es sie berührt, dass ihre Familie jetzt Stolpersteine in Lünen hat und Jorge stellt sich vor, wie Edith nach ihrem Tod 2015 zusammen mit Dieter im Himmel sitzt und Hering isst. Den hat sich nämlich sehr geliebt.

 


 

Folge 34

Am 11. August 1939 ist es endlich so weit. Familie Gumbert hat alle Papiere für die Auswanderung zusammen. Lünen haben sie längst verlassen. Mit der „Antonio Delfino“ verlassen sie den Hamburger Hafen „sozusagen mit dem vorletzten Schiff“, erinnert sie sich. Alle sind überglücklich und voller Angst zugleich, denn man rechnet jederzeit mit dem Ausbruch des Krieges. Als die „Antonio Delfino“ die europäischen Gewässer verlässt, wähnen sich alle 150 Juden an Bord in Sicherheit, doch als sie schon in Pernambuco, Brasilien sind, geht der Krieg los. Die Schifffahrtsgesellschaft will die Juden zurück nach Deutschland schicken, doch die deutschen Juden Brasiliens kommen ihnen zu Hilfe. Edith Nassau ist zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt und sie habe das damals genau begriffen, sagt sie, „ich war ja kein kleines Kind mehr. Sie weiß, „die deutschen Juden von Brasilien haben uns gerettet.“

Was hat es damit auf sich? In dieser Folge ist der Historiker Dr. Björn Siegel zu Gast. Er ist für EIN STÜCK DEUTSCHLAND in die Hamburger Staatsbibliothek gegangen, um das herauszufinden und er einige erhellende Dokumente gefunden. ...

 


 

Folge 33

Am 9. Dezember 1921 kommt sie in Dortmund als Edith Gumbert zur Welt, und wächst in Brambauer und Lünen auf. „Das ist alles Westfalen, Kohlenpott“ erklärt sie. Obwohl sie noch sehr jung war, könne sie sich an die Machtübernahme der Nazis noch gut erinnern. „Ich habe viel zu viele Erinnerungen“, sagt sie, „keine guten“. In dieser Folge erzählt sie davon. Sie berichtet, was sie und ihre Eltern dazu bewegt hat, aus Nazideutschland zu fliehen.

A 13. Juni haben Edith und ihre Eltern Stolpersteine bekommen in Lünen bekommen. Wir sind dabei. In Lünen haben wir Menschen getroffen, die uns erzählen konnten, wie die Stimmung sich gegen die Jüdinnen und Juden immer mehr aufheizte, wie sie vor und in der Pogromnacht verfolgt und Erste auch schon ermordet wurden. Hier kommen Udo Kath und Gisela Sons von der Lüner Stolperstein-Initiative zu Wort. Die Erinnerungen von Edith Nassau von 2004 und die Ergänzungen von Kath und Sons ergeben ein umfassendes Bild der damaligen gewaltsamen Zeit.

Außerdem treffen wir Gunter Demnig, den Initiator der Stolperstein-Initiative, der seit 1996 mehr als 90.000 Stolpersteine verlegt hat und immer noch von jedem einzelnen Schicksal berührt ist.

 


 

Folge 32

Als wir, der Fotograf Tim Hoppe und ich, Edith Nassau 2004 als Voluntaria im Altenheim für die Deutsch sprechenden Jüdinnen und Juden Argentiniens kennenlernen, da ist immer noch deutlich zu hören, wo sie herkommt. Aus Westfalen, Kohlenpott. Ihren Dialekt hat sie sich bewahrt.

Am 9. Dezember 1921 als Edith Gumbert geboren, wächst sie in Brambauer und Lünen auf und sagt: "Ich habe viel zu viele Erinnerungen." Mit neun Jahren erlebt sie die ersten judenfeindlichen Pogrome. Sie und die anderen jüdischen Kinder werden aus der Schule rausgeschmissen und die jüdischen Geschäfte werden geschlossen. Auch das Geschäft des Vaters. Als Edith von der Schule nach Hause kommt, stehen die Nazis vor der Tür und wollen das kleine Mädchen nicht hereinlassen. Familie Gumbert lebt von da an in ständiger Angst.

Sie erzählt von dem Hin und Her mit der Ausreise. Zunächst will die Familie nach Palästina, dann nach Argentinien. Erst 1939 können sie sich schlussendlichen entschließen und haben die nötigen Papiere beisammen. In Hamburg gehen sie aufs Schiff. Alle sind überglücklich und voller Angst zugleich, denn man rechnet jederzeit mit dem Ausbruch des Krieges. 150 Jüdinnen und Juden sind an Bord. Als sie in Pernambuco, Brasilien sind, geht der Krieg los. Die Schifffahrtsgesellschaft will die Juden zurück nach Deutschland schicken, doch die deutschen Juden Brasiliens kommen ihnen zu Hilfe …

 


 

Folge 31

1938 beschließt Familie Fleischmann, nun auch aus Holland auszuwandern. Sechs Jahre hatten sie hier gelebt. Schmerzlich war, dass sich Oma Bella weigerte, die lange Reise auf sich zu nehmen. Sie beschloss, in Holland zu bleiben und zog in ein jüdisches Altenheim. Ruth ist mittlerweile 10 Jahre alt und erinnert sich gut, wie sie sich von ihrer Oma verabschieden musste. Als sie das 2004 im Interview erzählt hat, stehen ihr die Tränen in den Augen. Ihre Tante, Pianistin und Musiklehrerin, ist zu diesem Zeit immer noch in Hamburg. Sie hat längst ihre Arbeit am Konservatorium verloren. Sie arbeitet fortan in einem jüdischen Kinderheim, begleitet Kindertransporte nach England bis sie 1939 selbst nach England flieht. Die Familie von Ruths Mutter in Hamburg ist groß. Sie kommen alle ums Leben.
Vieles habe ich, Corinna Below, Ruth Goldschmidt 2004 nicht gefragt. Wie hießen ihre Eltern? Wann genau ist ihr Geburtsdatum? Wann genau sind sie ausgewandert?

Auch in dieser Folge kommt Christina Igla vom „Arbeitskreis Stolpersteine und jüdisches Leben“ der Hauptkirche St Nikolai am Klosterstern in Hamburg-Eppendorf zu Wort. Sie recherchiert sei 11 Jahren die Geschichten hinter den Namen der deportierten jüdischen Haburger:innen. Sie hat eine dicke Akte zu Ruth Goldschmidts Familie gefunden und konnte mithilfe der Dokumente einige meiner Fragen beantworten. Die in der Shoah getöteten Verwandten von Ruth haben in den vergangenen Jahren bereits Stolpersteine bekommen. Auch davon erzählt diese Folge.

Es geht aber auch um Ruths Neubeginn in Argentinien und ihrer späteren Rückkehr als ehemalige Hamburgerin, eingeladen vom Besucherprogramm der Hamburger Senatskanzlei. Erst wollte sie nicht fahren, doch dann erlebt sie eine wunderbare Zeit. Doch als sie dann dort ist, erlebt sie eine wunderbare Zeit. „Ich habe nur wenige Menschen in meinem Leben kennen gelernt, die so gut und so interessant waren.“ Diese Reise bringt ihr auch ihre frühen Kindheitserinnerungen zurück, den Teil ihres Lebens, den sie verloren glaubte. „Und wirklich,“ sagt sie und lacht, „als wir weggefahren sind, habe ich geweint, weil ich gerne noch dort geblieben wäre.“

 


 

Folge 30

Ruth war erst vier Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Mutter ihre Heimatstadt Hamburg fluchtartig verlassen muss, getarnt als Ferienreise. Die Kinder sollen den wahren Grund hinter der Flucht nicht erfahren. Die Eltern wollen sie nicht belasten. Der Vater ist Weinhändler. Er verkauft Moselweine in Nord- und Südamerika. Als die Nazis an die Macht kommen, warnen ihn seine Freunde im Ausland, er solle seine Familie so schnell wie möglich außer Landes bringen.

Die kleine Ruth wird all das erst Jahrzehnte später wirklich verstehen. Sechs Jahre lebt sie mit Mutter und Schwester im holländischen Scheveningen. Der Vater ist immer wieder zu Besuch. 1936 folgt die Oma aus Hamburg. Tante Elsa, eine Pianistin und viele Verwandte bleiben in der Hansestadt.

1938 beschließen Ruths Eltern, Holland zu verlassen und nach Buenos Aires auszuwandern. Eine Auswanderung war für die Familie kein Problem, denn dadurch, dass der Vater einige Jahr in Argentinien gelebt hatte, hatte er und auch seine Frau einen argentinischen Pass. Wird die Oma mitgehen? Und was passiert mit Tante Elsa und den anderen Verwandten der Familie. Dazu mehr in der nächsten Folge.

In dieser Folge erzählt Ruth Goldschmidt ausführlich von den Hintergründen ihrer Fluchtgeschichte. Die Lücken ergänzt Christina Igla von der Hamburger Stiolpersteininitiative. Sie hat im Hamburger Staatsarchiv zur Familie von Ruth Akten angefordert und einige spannende Dokumente gefunden: Gemeindemitgliedskarten, Schreiben für die Wiedergutmachungsbehörde und die Geburtsurkunde für Ruths Mutter. Sie konnte ir nahezu all meine Fragen beantworten.

 


 

Folge 29

Ruth Goldschmidt ist Hamburgerin. Sie lebt im Grindelviertel, dort, wo vor der Shoah die meisten Hamburger Jüd:innen leben. Sie ist noch jung, als die Eltern entscheiden, dass die Familie keine Zukunft in Nazideutschland hat. Ruths Vater hat glücklicherweise einen Argentinischen Personalausweis, sodass der die Auswanderung problemlos veranlassen kann. Doch zunächst geht Ruth mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Holland, wo sie sechs Jahre leben. Die Oma kommt wenig später nach, doch bald steht eine schmerzliche Trennung an. Die Familie emigriert im Oktober 1938 nach Argentinien und lassen die Oma zurück. Diese will nicht mit. Diese Trennung belastet Ruth ein Leben lang. Ihre Oma stirbt glücklicherweise, bevor die Nazis sie deportieren können in einem jüdischen Altenheim. Andere Verwandte haben weniger Glück. „Die sind alle, alle umgekommen", sagt Ruth Goldschmidt im Interview 2004. Sie erzählt auch von Ihrer Tante, einer Pianistin, die in Hamburg in einem jüdischen Kinderheim arbeitet und immer wieder Kindertransporte nach England begleitet hat. Sie kann später selbst nach England fliehen und überlebt so den Nationalsozialismus.
Ruth tut sich in ihrer neuen Heimat Argentinien anfangs schwer ,ist aber überglücklich, dort endlich ihren Vater wieder zu sehen. Nach und nach wird sie heimisch.
Als Erwachsene reist sie mit ihrem Mann auf Einladung des Hamburger Senats in ihre Heimatstadt. Erst hatte sie wenig Lust zu dieser Reise, Doch als sie dann dort ist, erlebt sie eine wunderbare Zeit. „Ich habe nur wenige Menschen in meinem Leben kennen gelernt, die so gut und so interessant waren.“ Diese Reise bringt ihr auch ihre frühen Kindheitserinnerungen zurück, den Teil ihres Lebens, den sie verloren glaubte. Sie erkennt die Tennisplätze am Rothenbaum und kann ihrem Mann ganz genau zeigen, hinter welchem Fenster der Flügel ihrer Tante gestanden hat.

Für die Moderation zu dieser Folge habe ich , Corinna Below, meine Freundin und Kollegin Hannah Böhme interviewt. Sie ist eine der EIN STÜCK DEUTSCHLAND Sprecher:innen. Vier der Texte hat sie für das Projekt eingesprochen. Die Geschichte von Ruth Goldschmidt hat sie zwar nicht selbst gesprochen. Dennoch hat sie mit dieser Protagonistin eine besondere Verbindung. Als sie vor Jahren nach Hamburg gezogen war, wohnte sie in der Schlüterstraße 86, genau gegenüber von der Wohnung, in der knapp 80 Jahre zuvor Ruth als Kind gelebt hatte.

 


 

Folge 28

In der dritten ausführlichen Podcastfolge zu Lore Mayer erzählen wir die Geschichte der Ermordung ihrer ältesten Schwester Frieda. Dieser sinnlose Tod hat sie bis an ihr Lebensende sehr beschäftigt. Im Interview 2004 ist sie immer wieder darauf zurück gekommen. Leider konnte sie 2004 aber keine Details mehr erzählen. Dafür war ihre Erinnerung schon zu stark verblasst.
Was sie allerdings damals auch noch nicht wusste ist, WIE Frieda, deren Mann Leopold und der jüngste Sohn Hans umgebracht wurden, denn damals waren die Details noch nicht erforscht. 2009 ist Lore Mayer im Alter von 98 Jahren gestorben. Erst danach haben Schüler:innen im Rahmen einer Reise nach Auschwitz die Namen von Frieda, Leopold und Hans in einer Liste gefunden und herausgefunden, dass sie 1942, gleich nach ihrer Ankunft im Vernichtungslager vergast worden sind. Wir sind mit Sven Sprowls, der Lore Mayer sehr gut gekannt hat, nach Ludwigshafen gefahren, um die Stolpersteine der drei Ermordeten zu besuchen. Sven erzählt im Podcast von der sogenannten Wagner-Bürkel-Aktion, bei der insgesamt 6.500 Jüdinnen und Juden aus Baden und der Saarpfalz an zwei Tagen im Oktober 1940 zusammengetrieben wurden und ins Lager Gurs ins besetzte Frankreich deportiert worden sind. Hier haben Lores Schwester, ihr Schwager und ihr geliebter Neffe zwei Jahre unter schlimmsten Bedingungen gelebt, bevor sie 1942 nach Auschwitz deportiert und vergast worden sind.

 


 

Folge 27

Wir beginnen die zweite Podcastfolge über Lore Mayer im Jahre 1933. Lore ist 23 Jahre alt und hat Liebeskummer. Gleichzeitig verändert sich ihre Welt in Mannheim, denn die Nazis haben die Macht übernommen. Jüdinnen und Juden wie sie werden schikaniert und entrechtet. Ihre Mutter treibt ihre Auswanderung voran. Weil sie aber nicht ohne einen Mann auswandern kann, heiratet sie Paul Mayer, den sie nicht liebt. Sie ziehen nach Darmstadt, wohnen in einer kleinen, bescheidenen Wohnung. Lore arbeitet in einem jüdischen Kaufhaus. Sie erlebt den Fanatismus ihrer Kolleginnen und den Boykot jüdischer Geschäfte. Ein halbes Jahr müssen Lore und Paul auf die Einreisepapiere für Argentinien warten. Sie reisen über Hamburg aus und sind zunächst voller Hoffnungen. Doch der Start in BUenos Aires ist extrem schwer. Ihr Onkel, von dem sie sich Starthilfe erhofft hatten, erweist sich als wenig liebenswert und Paul, der eigentlich Bierbrauer ist, muss im Hafen Säcke schleppen. Sie ziehen von Pension zu Pension und haben kaum Geld, um ihr Leben zu bestreiten. Bald geht es etwas besser und sie mieten ein kleines Haus. Als sie Lores Mutter und Pauls Vater endlich nachholen können, wird es sehr eng. Ein Zimmer muss Lore vermieten, weil das Geld nicht reicht. Sie vermietet an einen Nazi, den sie sogar bekochen muss, um etwas dazu zu verdienen. Eine schwierige Zeit. Aber es geht ihnen langsam finanziell immer besser. Doch bald stellt sich heraus, dass Paul homosexuell ist. Die beiden trennen sich in Freundschaft. Scheiden lassen können sie sich nicht, weil Scheidungen in Argentinien damals noch verboten sind.
Lore fängt an, in einer Buchhandlung zu arbeiten. Geführt wird sie von dem Düsseldorfer Roberto Sternau, auch ein Flüchtling. Sie verlieben sind und ziehen später aufs Land in die Sierras de Córdoba. Hier kauft sich Lore vom Erbe einer ihrer Schwestern ein kleines Haus und lebt ihre Liebe zur Natur und zu den Tieren aus. Hier wird sie am Ende ihres Lebens erst richtig glücklich.

 


 

Folge 26

Ihr Leben beginnt im November 1910. Lore Mayer wächst in wohlhabenden Verhältnissen mit drei sehr viel älteren Schwestern auf, besucht die höhere Töchterschule und wird auf das Leben als Sekretärin und Ehefrau vorbereitet. Doch dann kommt die Inflation, der Vater verliert sein gesamtes Vermögen. Sechs Jahre später stirbt er. Nachdem die Schwestern bereits aus dem Haus und verheiratet sind, müssen Mutter und Tochter in eine kleine Wohnung ziehen und Lore wird von ihrem langjährigen Freund sitzen gelassen. Der Antisemitismus nimmt immer mehr zu und die Mutter drängt Lore dazu, einen Verehrer zu heiraten, den sie allerdings gar nicht liebt. Die Mutter will, dass Lore mit diesem Mann nach Argentinien auswandert. Lore lässt sich bequatschen. Sie sagt: "Mir war alles egal". Bevor sie Deutschland für immer verlässt, zieht das junge Paar übergangsweise nach Darmstadt und Lore arbeitet im Kaufhaus der Gebrüder Rotschild im Büro und erlebt, wie die SA die Menschen davon anhielt hier einzukaufen.

Dieser Folge liegen drei Interviews zugrunde.
1. das Interview, was die Autorin 2004 mit Lore Mayer im Altenheim für Deutsch sprechende Jüd*innen in dSan Miguel/ Bienos Aires/ Argentinien geführt hat, 2. ein Interview, das ihr Nenn-Enkel Sven Sprowls mit ihr 1990 in Córdoba/ Argentinien geführt hat und 3. ein Interview, was die Autorin Corinna Below im Oktober 2021 mit Sven Sprowls in Mannheim und Darmstadt geführt hat. Zusammen mit dem Fotografen Tim Hoppe haben sie sich auf die Spuren von Lore Mayer begeben.

 


 

Folge 25

Als der Fotograf Tim Hoppe und die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND Corinna Below Lore Mayer im November 2004 kennenlernen, ist sie schon Mitte 90 und hat vieles vergessen. Es fällt ihr scher sich zu erinnern. Zum Beispiel an ihre Kindheit und Jugend in Mannheim oder an ihre Heirat, den Umzug nach Darmstadt, den alltäglichen Antisemitismus, ihre Arbeit als Sekretärin in einem jüdischen Kaufhaus und ihre Flucht nach Argentinien. Davon sind ihr nur Bruchstücke geblieben. Woran sie sich erinnert ist, dass ihre Schwester umgekommen ist. Das ist das Erste, was ihr durch den Kopf geht. „Die ist umgebracht worden. Im Jahre … ich kann mich nicht erinnern. Wir haben viel mitgemacht.“

 


 

Folge 24

Bevor sie nach Südamerika auswanderte, hatte sich Doris Kaufmann nie jüdisch gefühlt. In der Emigration spielt für sie das Jüdische dann doch eine vergleichsweise große Rolle. Als sie 1956 heiratet, tritt sie zum Judentum über. Die Schwiegereltern wollen es so. Ihre Kinder sind folglich Juden, „aber sie machen keinen Gebrauch davon. Ich hätte es mir also sparen können.“
„Was ist eine Jüdin?“ fragt Doris Schwester eines Tages im Jahre 1936, als sie von der Schule nach Hause kommt. Auf der Straße war sie als solche beschimpft worden. Dass der Vater Jude ist, haben die Töchter nicht gewusst.
In dieser Folge erzählt Doris Kaufmann, geborene Hammerschmidt, ausführlich von ihrer Fluchtgeschichte.
In die USA oder nach Argentinien wollen die Eltern auswandern. Doch für Nordamerika bekommen sie kein affidavit, obwohl der Bruder des Vaters dort lebt. Die Einreisevisa nach Argentinien kann sich die Familie nicht leisten. Dann erinnert sich der Vater an einen Jugendfreund, der nach Paraguay ausgewandert war und schreibt ihm. Und tatsächlich fordert er sie an, obwohl er versichern muss, dass er für die Einwanderer aus Deutschland aufkommen wird. „Das war wirklich eine große Sache“. Ihr Vater verunglückt 1941 mit dem Pferdewagen. Da waren sie nur noch zu dritt. "In einem fremden Land, ohne Freunde, das war sehr hart." Nach 12 harten Jahren in Paraguay stirbt auch die Mutter und Doris geht zu ihrer Schwester nach Buenos Aires. Wieder muss sie sich ein neues Leben aufbauen. Doch am Ende ihres Lebens resümiert sie: In der Gesellschaft der deutschen Juden in Buenos Aires hat sie sich aber nie richtig integriert gefühlt. „Ich hatte immer das Gefühl, ich muss sagen, dass ich gar nicht jüdisch bin.“ Darunter habe sie immer sehr gelitten. Egal, wo sie war und mit wem, „ich habe nie gewusst, wo ich hingehöre“ und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.

 


 

Folge 23

„Was ist eine Jüdin?“ fragt Doris Schwester eines Tages im Jahre 1936, als sie von der Schule nach Hause kommt. Auf der Straße war sie als solche beschimpft worden. Dass der Vater Jude ist, haben die Töchter nicht gewusst. Bevor sie nach Südamerika auswanderte, hatte sich Doris Kaufmann nie jüdisch gefühlt. In der Emigration spielt für sie das Jüdische dann doch eine vergleichsweise große Rolle. Als sie 1956 heiratet, tritt sie zum Judentum über. Die Schwiegereltern wollen es so. Ihre Kinder sind folglich Juden, „aber sie machen keinen Gebrauch davon. Ich hätte es mir also sparen können.“
Egal, wo sie war und mit wem, „ich habe nie gewusst, wo ich hingehöre.“

 


 

Folge 22

Dies ist ein Text von Sepp Pauli über den Vater von Siegried Bustin. Der Elektromeister, ein Tutzinger Original, schrieb ihn vermutlich in den 1970er Jahren. Später, nach Sepp Paulis Tod, wurde er in den Tutzinger Nachrichten in der Rubrik "Wie es früher war" in der Ausgabe Mai/Juni 1991 veröffentlicht. Ich bekam den Text von der Tutzinger Stadtarchivarin, nachdem ich nach Dokumenten zur Familie Bustin gefragt hatte. Ein Volltreffer, denn als ich zusammen mit dem Fotografen Tim Hoppe 2004 Siegfried Bustin im Hogar Hirsch in San Miguel, Argentinien besuchte, holte er sofort ein Heftchen über sein Heimatdorf Tutzing hervor, um es uns zu zeigen. Darin: genau dieser Text von Sepp Pauli: "Mein Meister Ferdinand Bustin".

Carsten und iich wollten den Text für den Podcast so nutzen, als hätten wir Sepp Pauli interviewt. Carsten fragte unseren Kollegen Henrik Hanses, ob er ihn einsprechen würde. Das hat er gemacht und wir sind begeistert. Weil der Text aber sehr lang ist, haben wir beschlossen, ihn in Folge 21 nur auschnittsweise zu nutzen und das Audio dann in Folge 22 in der gesamten Länge zu veröffentlichen: ein Text, der die alten Zeiten lebendig macht.

 


 

Folge 21

Siegfried Bustin ist 89 Jahre alt, als ich, die Autorin Corinna Below, zusammen mit dem Fotografen Tim Hoppe, ihn 2004 in dem deutsch-jüdischen Altenheim Hogar Hirsch in San Miguel, Argentinien besuchen. Ein kleiner, freundlicher Mann mit traurigen Augen. Zurückhaltend und wie unbeteiligt sitzt er da, auf seinem Stuhl am Tisch in seinem Zimmer Nummer 667. Er zeigt mit einem gewissen Stolz ein Heftchen über Tutzing. Siegfried Bustin bekommt leuchtende Augen, als er die entscheidende Seite aufschlägt, denn auch sein Vater wird erwähnt. Der war vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten einziger Klempner in dem 5000-Seelen-Ort in Bayern und dazu sehr anerkannt und beliebt, so erinnert sich der Sohn. Das ist Jahrzehnte später alles weit, weit weg, aber das Heftchen ruft die Erinnerungen an die schöne Zeit in Deutschland wach, so oft er will.

 


 

Folge 20

Siegfried Bustin kommt als Nachzögling im Jahre 1916 in Tutzing bei München zur Welt. Seine Familie sei die einzige jüdische Familie im Ort gewesen. „Als die Nazis an die Macht kamen, wurden wir trotzdem noch gut behandelt“, erzählt er. Er habe sogar seinen Schulabschluss machen dürfen. Bescheiden, als ob es ein Geschenk war, dass ihm eigentlich nicht zustand. Er erzählt von einer Radreise, die er mit zwei Kameraden nach Berchtesgaden gemacht hat. In einer Herberge pöbelte eine Gruppe Hitlerjugend aus Nürnberg „und die haben mich gefragt, ob ich Jude bin und ich habe gesagt „Ja“.“ Sie hätten ihm nichts Übles getan, erinnert sich der alte Mann heute. Nein, es ist noch gut gegangen. „Sie haben mich durch den Ort geführt und diese hässlichen Lieder gesungen: „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt ...“ Er meint er habe Glück gehabt. Sie hätten ihn ja auch schlagen können. Seinen Freund haben sie sich statt dessen vorgenommen, sozusagen als Judenfreund.

 


 

Folge 19

Edith Weinberg hat ein Erlebnis besonders geprägt. Immer wieder erzählt sie im Interview 2004, dass sie ihre Eltern bei ihrer Flucht aus Nazideutschland nach Argentinien zurücklassen musste. Sie erzählt, wie der Vater in der Pogromnacht festgenommen wurde, dann aber doch wieder freigelassen wurde. Später wurden er und Ediths Mutter dann aber doch im KZ Auschwitz ermordet.
Ihre jüngere Schwester Anni hat den Krieg überlebt und gelangt zu ihrer Schwester nach Buenos Aires. Ein großes Glück für Edith. Genauere Details, Hintergründe, Namen, Daten und Fakten zur Familie und dem Umständen die ich (Corinna Below) während des Interviews 2004 aufgrund der knappen Zeit nicht erfragt hatte, erfahren wir in dieser Folge aber von Sara Elkmann, Volontärin der Städtischen Museen Lemgo.

 


 

Folge 18

Edith Weinberg hat ihre Eltern bei ihrer Flucht aus Nazideutschland nach Argentinien zurückgelassen. Eine traumatische Erfahrung, die ihr Leben geprägt hat. Im Interview mit der Autorin erinnert sie sich daran, als sie sich am Pier in Bremerhaven von ihren Vater verabschieden muss. Da waren ihre "Nervem am zerspringen". Sie hat ihn und auch die Mutter nie wiedergesehen. Sie wurden im Konzentrationslager ermordet. Gelesen wird diese Folge von Eva Diederich.

 


 

Folge 17

Dass Bärbel und ihre Schwester aus Deutschland weg müssen, das ist den Eltern früh klar. „Die Jugend hat keine Zukunft“ heißt es damals. Juden dürfen nicht ins Schwimmbad gehen, nicht ins Kino und nicht ins Konzert. Für Bärbel, die ein kulturell interessiertes Mädchen ist, ist das schlimm. Nach 1933 geht sie auf eine jüdische Schule, weil sie das Lyzeum nicht mehr besuchen darf. Sie lernt alles, was sie für die Auswanderung braucht, Sprachen und praktische Sachen, wie Schreibmaschine schreiben und Stenographie. Eigentlich will sie Babyschwester werden. Die Mädels, mit denen sie nun zur Schule geht, kommen aus allen Ecken des Landes. Als sie auf einer gemeinsamen Reise in München sind, beschließen sie, gegen das Gesetz zu verstoßen und in ein Konzert zu gehen. Sie machen sich zurecht und hoffen, dass sie nicht auffallen werden. Sie gehen in kleinen Grüppchen und hören Beethovens Neunte Symphonie. „Wir haben alle geweint.“ Sie versuchen, das Leben trotz der Umstände zu genießen und haben auch viel Spaß miteinander. Doch dann kommt die sogenannte Kristallnacht und alles ist vorbei. Plötzlich heißt es „Raus, ihr müsst weg. Packt eure Koffer und haut ab!“ Jetzt war klar, sie müssen fliehen. Sie sagt: "Wir wussten, wir können nicht länger warten."

 


 

Folge 16

Dass in der Nacht auf den 10. November 1938 die Nazis auch in Nürnberg Synagogen niederbrannten und die Scheiben jüdischer Geschäfte zu Bruch gingen, empfindet Bärbel Oppenheimer heute als persönlichen Glücksfall. Sonst hätte ihre Familie das geliebte Heimatland nie verlassen. Der Vater ist Besitzer einer Weingroßhandlung und einer Likörfabrikation, Träger des Eisernen Kreuzes, Soldat im Kampf fürs Vaterland. Die Mutter, in Nürnberg geboren, half im Lazarett. „Wir waren immer pro-deutsch eingestellt“, erinnert sich die heute 83jährige Tochter. Dass sie und ihre Schwester dennoch aus Deutschland weg müssen, das ist den Eltern früh klar. „Die Jugend hat keine Zukunft“.

 


 

Folge 15

Die Autorin von EIN STÜCK DEUTSCHLAND führt ein ausführliches Interview mit der Historikerin Dr. Gabriele Hammermann. Sie ist Leiterin der KZ Gedenkstätte Dachau.
Das Interview dreht sich um die Fragen, wie die Stimmung in München und Bayern 1929 war, als Familie Brandl aus Argentinien zurück nach München zog, wie offensiv antijüdisch damals die NSDAP bereits aufgetreten ist. Dr. Hammermann ordnet für ESD den ersten Nürnberger Parteitag ein und erzählt, welchen Stellenwert Dachau in der politischen Strategie der Nazis hatte. Sie berichtet, dass die Bevölkerung wusste, was im KZ Dachau, einem Muster-KZ, passiert und dass hier bereits in den ersten Wochen und Monaten Menschen ermordet wurden.

 


 

Folge 14

An Details erinnert sich Cecilia Paschkes heute nicht mehr, aber wie nebenbei sagt sie, „Wie wir weg sind, da sind schon aus Dachau die versiegelten Särge rausgekommen.“ 
Ihr Vater, so erzählt sie, sei 1933 zufällig in Nürnberg gewesen, als die Nationalsozialisten dort ihren Parteitag abhielten. Er habe sofort gewusst, dass er seine Familie in Sicherheit bringen muss.
Zu gehen ist der Jugendlichen nicht schwergefallen, denn die Familie war erst 1929 aus Buenos Aires in Cecilies Geburtsstadt zurückgekommen.
Am eigenen Leib habe sie keinen Antisemitismus erlebt, versichert sie. Die Nachbarn aus dem Haus haben nicht mehr gegrüßt, aus Angst um ihre Kinder. Das erinnert sie noch. Das scheint aber alles gewesen zu sein. Ja, ihre Familie habe Glück gehabt, wie sie sagt. Sie können sich vor den Nazis retten. Ihre Eltern schicken von Argentinien aus Visa an Verwandte. Die lassen dann ihrerseits ihre Verwandten kommen.

Für diese Folge haben wir die Historikerin Dr. Gabriele Hammermann interviewt. Sie ist Leiterin der KZ Gedenkstätte Dachau. Sie berichtet über die politische Stimmung vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in München und Bayern, ordnet die Erzählungen von Cecilie Paschkes historisch ein. Auf die Frage, ob den Menschen bekannt war, was im KZ Dachau passiert, sagt sie: "Es gibt Fotos von Faschinksumzügen, in denen der Spruch, der in Bayern sehr bakannt war "Lieber Gott mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm" zu sehen ist. Insofern war das ein offenes Geheimnis, was hier passiert ist."

 


 

Folge 13

 

Cecilie Paschkes ist 13 Jahre alt, als die Eltern beschließen, so schnell wie möglich aus Nazideutschland nach Argentinien auszuwandern. Zu gehen fällt der Jugendlichen nicht schwer, denn die Familie war erst 1929 aus Buenos Aires in Cecilies Geburtsstadt zurückgekommen. Sie erlebt wenig Anfeindungen, aber "die Nachbarn haben nicht mehr gegrüßt, aus Angst um ihre Kinder.“ Und als sie 1934 ausreisen, „da sind schon aus Dachau die versiegelten Särge rausgekommen“, erinnert sie sich im Interview 2004. Ihr Vater, so erzählt sie weiter, sei 1933 zufällig in Nürnberg gewesen, als die Nationalsozialisten dort ihren Parteitag abhielten. Er habe sofort gewusst, dass er seine Familie in Sicherheit bringen muss.

 


 

Folge 12

 

 

Die junge Berlinerin Edith Horowitz ist frisch verheiratet. Sie und ihr Mann haben schon lange Einreisegenehmigungen für Argentinien. Der Bruder ihres Mannes hatte sie geschickt. Doch sie können sich von Ediths Eltern und der Schwester nicht trennen. "Es war so schwer für uns." Erst ein Jahr später reisen sie aus.

Ediths Familie können sie dann 1938 nicht mehr nachholen. Dem argentinishen Konsul in Berlin sind die Hände gebunden. Ein neues, geheimes Dekret, das sogenannte „Circular 11“, verhindert die Ausreise. Die Direktive hatte der damalige Außenminister Argentiniens auf der Flüchtlingskonferenz in Evian noch vor Ende der Konferenz unterzeichnet. Sie wies die argentinischen Diplomaten in der ganzen Welt an, 

„allen Personen ein Visum – auch ein Touristen- oder Transitvisum – zu verweigern, von denen anzunehmen ist, dass sie ihr Herkunftsland verlassen haben oder verlassen wollen, weil sie als unerwünschte Personen angesehen werden, oder des Landes verwiesen wurden, ganz unabhängig vom Grund ihrer Ausweisung“. 

Ohne das Wort „Juden“ zu benutzen, ist im diplomatischen Jargon der Zeit vollkommen klar, wer mit diesen „Unerwünschten“ gemeint ist. Kurz darauf werden mit dem Präsidentenerlass Nr. 8972 die Einreisebedingungen weiter verschärft.

Eltern und Schwester und fast alle anderen Verwandten werden im Konzentrationslager ermordet.

 


 

Folge 11

Edith Horowitz berichtet im Interview von 2004 von einer Überfall auf ihren Verlobten.
Eines abends bringen Edith, ihr Verlobter und die Schwester eine Freundin zur Bushaltestelle am Berliner Hansaplatz. Das muss Ende 1937 oder Anfang 1938 gewesen sein. Als sie zurück kommen und schon im Hausflur stehen, klopft plötzlich ein Junge von draußen an die Tür. Edith Horowitz klopft auf den Tisch und dann erzählt sie weiter: „und mein Mann, freundlich wie immer, machte dem Jungen die Tür auf. Dann waren plötzlich drei Riesenkerle im Hausflur. Riesengroße Männer, junge Leute, die gleich auf meinen Mann einschlugen.“ Mit der Zeit heilen solche Wunden, doch ist ihr 70 Jahre später die Empörung immer noch anzusehen. Sie erzählt weiter, wie sie und ihre Schwester rauslaufen, um Hilfe zu holen und niemand weit und breit zu sehen ist, „Ich weiß aber auch nicht, ob sich einer eingemischt hätte,“ sagt sie heute. Damals hat sie noch daran geglaubt. Der Geschlagene kommt mit einem blauen Auge davon. Doch später wird sich herausstellen, dass es eine Augenverletzung ist, die ihn fast völlig erblinden lässt. Edith Horowitz sucht auch heute noch nach einer Erklärung. „Ich nehme an, die Männer haben gedacht, der jüdische Junge geht da mit zwei Arierinnen,“ denn sie und ihre Schwester waren blond. Heute ist ihr Haar schneeweiß.

In dieser Folge haben wir den Sozialwissenschaftler und Antisemitismusexperten Daniel Poensgen zu Gast. Er promoviert zum Verhältnis von politischer Kultur des Staates und Antisemitismus und arbeitet als wissenschaftlicher Referent des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS). RIAS ist eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle: Betroffene und Zeug*innen können ihre Erlebnisse auf der Webseite, aber auch telefonisch, über Social Media oder per E-Mail melden. RIAS dokumentiert die Vorfälle aus Perspektive der Betroffenen und vermittelt bei Bedarf weitere Beratung. Nachdem das Projekt mit RIAS Berlin startete, kooperieren derzeit im Rahmen des Bundesverbandes RIAS Meldestellen aus mehreren Bundesländern miteinander.

Mit Daniel Poensgen sprechen wir über die antisemitische Gewalt, die Edith Horowitz und ihr Verlobter in Berlin 1938 erlebt haben. Wir reden aber auch darüber, inwiefern so ein Vorfall auch heute noch passieren kann oder passiert. Daniel Poensgen erzählt, wie viele Vorfälle antisemitischer Gewalt es heute gibt, wie Jüdinnen und Juden Gewalt und Beleidigungen erleben, ob sie sich, wie Edith Horowitz damals, möglicherweise auch heute durch die Polizei nicht geschützt fühlen. Und zuletzt geht es auch darum, was jede*r einzelne heute gegen antisemitische Gewalt tun kann.

 


 

Folge 10

Sie hat ein gutes Leben in Berlin. Edith Horowitz lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester in einer schönen Berliner Wohnung mit Dachterrasse. Ihr Verlobter lebt in der Nähe in einem möblierten Zimmer und kommt in seinen Mittagspausen immer zum Essen. Sie hängen alle sehr aneinander.
Ediths zukünftiger Schwager ist Schiffsbauingenieur und bereist die Welt. Als er 1935 oder 1936 in Deutschland ist, wann das genau war, weiß Edith Horowitz heute nicht mehr, legt er seinen Geschwistern und seiner Mutter nahe, so schnell wie möglich nach Argentinien oder in die USA auszuwandern. Dann reist er wieder ab. Kurz darauf schickt er llamadas, auch an Edith und seinen Bruder. Doch Edith kann sich nicht entscheiden zu gehen. „Es war so schwer für uns. Wir konnten uns nicht von meiner Familie trennen.“ Also schieben sie die Ausreise vor sich her. Doch der Schwager, der die Situation von außen besser beurteilen kann, wie sie heute weiß, drängt das Paar, „Kommt. Nehmt doch nur einen Koffer und kommt, um Gottes Willen!“ schreibt er in einem Brief, „Ihr könnt nicht warten.“

 


 

Folge 9

Eines weiß sie sicher. „Ich bin mehr Berlinerin als sonst was!“ Und trotzdem ist Berlin nicht mehr ihre Heimat. Eine neue Heimat hat die Vertriebene erst spät gefunden. Nicht auf dem Land im Norden Argentiniens, wo sie zusammen mit ihrem Mann, dem Bruder und ihren Eltern nach der Flucht Landwirtschaft betreibt, unter den primitivsten Bedingungen. Hier muss die Hutmacherin Kühe melken und Heuschrecken bekämpfen. 
Eine Heimat findet sie auch nicht in Buenos Aires, wo sie später lebt und ihre Kinder groß zieht. Eine neue Heimat findet sie erst auf ihrer letzten Lebensetappe im hohen Alter, im Hogar Hirsch, dem Altenheim für Deutsch sprechende Jüdinnen und Juden Argentiniens. Hier, 11.915 Kilometer von Berlin entfernt, existiere jüdische Leben, erzählt sie. „Hier habe ich das jüdische Leben zum ersten Mal so richtig kennengelernt. Hier in San Miguel gehöre ich eigentlich am allermeisten dazu. Das ist komisch, nicht?“ 

Sie sagt, es sei alles so über sie hinweggekommen. Die Veränderungen, nachdem die Nazis die Macht übernommen hatten, habe sie erst gar nicht so wahrgenommen, aber dann habe sie ihre Stelle als Hutmacherin verloren, weil sie Jüdin war. Heiraten sollte sie. Damit sie nicht als ledige Frau auswandern müsse. Beim jüdischen Hilfsverein habe man ihr einen jungen Mann vorgestellt. Den habe sie dann geheiratet. Sie habe das alles einfach so hingenommen. Fragen habe sie nie gestellt.

 


 

Folge 8

Eines weiß sie sicher. „Ich bin mehr Berlinerin als sonst was!“ Und trotzdem ist Berlin nicht mehr ihre Heimat. Eine neue Heimat hat die Vertriebene erst spät gefunden. Nicht auf dem Land im Norden Argentiniens, wo sie zusammen mit ihrem Mann, dem Bruder und ihren Eltern nach der Flucht Landwirtschaft betreibt, unter den primitivsten Bedingungen. Nicht in Buenos Aires, wo sie später lebt und Kinder bekommt. Eine neue Heimat findet sie erst im hohen Alter, im Hogar Hirsch, dem Altenheim für Deutsch sprechende Jüdinnen und Juden Argentiniens, 11.915 Kilometer von Berlin entfernt. Hier existiere jüdische Leben. Hier habe sie das jüdische Leben zum ersten Mal so richtig kennengelernt. Und sie resümiert: „Hier in San Miguel gehöre ich eigentlich am allermeisten dazu. Das ist komisch, nicht?

 


 

Folge 7

Ein Stück Deutschland, das sind 49 Menschen mit 49 bewegenden Geschichten. Jüdinnen und Juden, die nach Argentinien geflohen sind und in einem deutschsprachigen Altenheim in Buenos Aires leben. In dieser siebten Folge stellen wir euch Juan Breitbart vor, der als junger Erwachsener durch die Flucht von seiner Familie getrennt wurde. Während er nach zunächst nach Uruguay und später nach Argentinien entkommen konnte, bekamen die Eltern keine Visa, um ihm folgen zu können. Sie flohen nach Shanghai. Sein Vater sah er nie wieder. Dieser starb im jüdischen Ghetto in Shanghai an einer Seuche. Seine Mutter konnte nach 1945 in die USA ausreisen. Erst i den 1950ern gelang es Juan, seine Mutter nach Argentinien nachzuholen. Die Sehnsucht nach seiner Mutter und die Ungewissheit, ob er sie je wiedersehen würde, prägte sein ganzes Leben.
Im Interview hatte ich nicht nach Namen und Daten zu Juan Breitbarts Eltern gefragt. Doch ich wollte mehr wissen. Bei meiner Recherche zur jüdischen Flucht nach Shanghai bin ich auf die Zeitzeugin Sonja Mühlberger gestoßen, die im jüdischen Ghetto als Tochter von deutschen Flüchtlingen geboren wurde. Sie ist als Erwachsene zur Chronistin des jüdischen Exils in Shanghai geworden und konnte mir einige Informationen zum Schicksal von Juans Eltern geben.

 


 

Folge 6

Er sagt, seine Mutter hätte ihn zweimal geboren. Einmal am 25. September 1916. In Berlin. Dann nochmal am 13. September 1938, wenige Tage vor seinem 22 Geburtstag. Da flieht er nach Bulgarien, dann nach Paris und bald über Genua nach Montevideo, Uruguay. Nur seiner Mutter habe er das zu verdanken, erzählt er im Interview 2004. Er flieht ganz allein und bleib allein. 13 Jahre lang. Im Hogar Adolfo Hirsch, dem Altenheim für Deutsch sprechende Jüdinnen und Juden spielt der Junggeselle entweder mit sich selbst Schach, liest oder pflegt die Blumen auf seinem Balkon und noch dazu die seiner Zimmernachbarin, denn sie hat nicht so viel Sinn für Pflanzen wie er. Kontakt zu den anderen Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern ist ihm nicht so wichtig. Er ist es gewöhnt, allein zu sein.

 


 

Folge 5

Das Erinnerungsprojekt "Ein Stück Deutschland" lebet neben den Texten im besonderen Maße auch von den 49 Portraitfotos, die 2004 entstanden sind. Seit 27 Jahren ist Tim Hoppe Fotograf. Aber viel früher schon wusste er, dass er genau das machen wollte: Ständig Neues kennenlernen, ihm unbekannte Orte sehen und spannende Persönlichkeiten treffen. Er wollte immer wieder neue Themen und Gebiete entdecken, die er vorher nicht kannte und konnte dann feststellen, „dass eigentlich jedes Thema interessant ist, wenn man sich damit beschäftigt.“
Menschen zu portraitieren mag er besonders. Schon das gesamte Drumherum gefällt ihm, dass er im Vorfeld viel über die Person erfährt, die er fotografieren wird. Er sieht seine Aufgabe darin, ihre Lebensgeschichte zu konservieren. Er sagt: „Jeder Mensch und jedes Gesicht ist einzigartig und hat eine einzigartige Geschichte.“
„In San Miguel, im Hogar Adolfo Hirsch, war besonders spannend, dass wir auf sehr viele extreme, berührende und traurige Lebensgeschichten auf engem Raum gestoßen sind. Das war sehr intensiv“, erzählt er. „Viele Erlebnisse aus einem langen und erlebnisreichen Leben lassen sich im Gesicht von älteren Menschen erkennen. Positive, wie negative. Es ist immer eine Herausforderung, das im Laufe des Shootings auf ein Bild zu bekommen.“

 


 

Folge 4

"Ständig stirbt jemand.“ Sorge macht sich breit, dass es dieses Heim vielleicht irgendwann nicht mehr geben wird. Alle hängen an diesem Ort. Das Hogar Adolfo Hirsch ist so etwas wie eine Heimat. Ein Stück Deutschland eben.

In dieser Reportage begleitet die Autorin Corinna Below die chicas del lunes, die Montagsmädchen einen Tag lang. Sie besuchen alte Menschen, deren Geschichten viel mit ihrer eigenen zu tun hat. Sie sind ehrenamtliche Helferinnen im Hogar Hirsch, dem Altenheim für die deutschsprechende Jüdinnen und Juden Argentiniens.
Gegründet wurde das Heim durch die Asocioción Filantrópica Israelita, dem Jüdischen Hilfsverein, im Oktober des Jahres 1940 für die älteren Deutsch sprechenden jüdischen Immigranten aus Europa. Immer war das Heim eine angesehene Adresse, bekannt über die Landesgrenzen hinaus. Und im Leben der chicas spielt es eine große Rolle. Das Heim ist für sie und alle die dort leben der Ort, an dem sich ihre Geschichten treffen. Ein Ort, der ihre Identitäten wiederspiegelt. Denn alle sind durch ihre Flucht aus Nazideutschland und ihrer Beziehung zum Land ihrer Väter und Mütter eng verbunden.

 


 

Folge 3

Ein Stück Deutschland, das sind 49 Menschen mit 49 bewegenden Geschichten. Jüdinnen und Juden, die nach Argentinien geflohen sind und in einem deutschsprachigen Altenheim in Buenos Aires leben. In dieser dritten Folge sprechen wir über die Geschichte von Hanna Grünwald, aus Bockenheim an der Weinstraße, Jahrgang 1905. 1928 heiratet sie und zieht mit ihrem Mann Fritz nach Essen. Zehn Jahre später flieht Sie mit ihm und ihrer zwei Jahre alten Tochter Renate nach Argentinien. Die Flucht ist allerdings eine monatelange Odyssee durch Europa. Bis zuletzt bleibt es unsicher, ob sie das rettende Schiff erreichen können. In Interviews aus den Jahren 2000 und 2004 erzählt Hanna ausführlich davon. Uns hat interessiert, wie sie die Erlebnisse verbreitet hat, ob sie nach dem Krieg Groll gegen Deutschland empfunden hat, denn wie so viele jüdische Emigrant*innen hat auch sie Familienmitglieder durch den Holocaust verloren. Und uns hat interessiert, wie es weiterging. Auch lassen wir ihre Tochter und ihren Enkelsohn erzählen, welchen Einfluss die Flucht auf sie bis heute hat. Zuallerletzt geht es in dieser Podcast-Folge um den dritten Lebensabschnitt von Hannah Grünwald, ihrer Zeit als "china del lunes", als Montagsmädchen im Altenheim Hogar Hirsch, einem Stück Deutschland, ihrem zweiten Zuhause. Hier ist ehrenamtliche Helferin bis zu ihrem 95. Lebensjahr. Sie stirbt vier Jahre später, kurz vor ihrem 100. Lebensjahr.

 


 

Folge 2

Jeden Montag ist sie zusammen mit den anderen chicas del lunes, den Montagsmädchen, nach San Miguel rausgefahren, zum Hogar Adolfo Hirsch, 25 Jahre lang. Immer zurechtgemacht, immer trug sie Lippenstift auf, passend zur Bluse und zur Jacke, je nach Jahreszeit. Nun fahren die chicas del lunes schon seit Jahren ohne ihre Kollegin und Freundin Hanna, denn irgendwann musste sie einen Schlussstrich ziehen. Ihr 95. Geburtstag stand kurz bevor, und damit war sie älter als die meisten Bewohnerinnen und Bewohner, die sie betreute. Der Arbeit als freiwillige Helferin fernzubleiben ist ihr sehr schwer gefallen. „San Miguel war für mich immer so etwas wie mein zweites Zuhause.“ Aber auch dieser Abschied ist nun schon einige Jahre her.

 


 

Folge 1

Ein Stück Deutschland, das sind 49 Menschen mit 49 bewegenden Geschichten. Jüdinnen und Juden, die nach Argentinien geflohen sind und in einem deutschsprachigen Altenheim in Bounos Aires leben. In dieser ersten Folge stellen wir euch das Projekt vor. Wer sind diese Menschen? Wie ist Corinna darauf gekommen, alle zu interviewen und ein Buch über ihre Geschichten zu schreiben? Was ist das "Hogar Aldolfo Hirsch"? Aber auch wir Autoren stellen uns vor.

 


 

TRAILER - DER PODCAST

Ein Stück Deutschland - das sind 49 Geschichten deutscher und österreichischer Jüdinnen und Juden. Menschen, die in der Zeit von 1933 bis 1941 vor den Nazis nach Argentinien geflohen sind. Dort sind vor 16 Jahren Interviews entstanden.

Mein Name ist Corinna Below. Ich habe die Interviews damals geführt. 2016 habe ich ein Buch daraus gemacht. Mein Kollege Carsten Janz hat mich zwei Jahre später motiviert, über social media mit den Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Jetzt also auch als podcast.

Wir hören uns Interviews gemeinsam an und diskutieren drüber. Wie haben die 49 den Faschismus erlebt? Was hat sie dazu gebracht, zu fliehen? Wer hat ihnen geholfen? Haben Sie Familie zurücklassen müssen und durch den Holocaust verloren? Wie gelang der Neustart fast 12.000 Kilometer von der Heimat entfernt? Und wie ist ihr Verhältnis zu Deutschland am Ende ihres Lebens?