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AUFBAU IM UNTERGANG – Teil X

Februar 2, 2020

Detlef Aberle
AUFBAU IM UNTERGANG

10. KAPITEL

Es war das Erlebnis dieser Aufführung, die mich jene Dummheit begehen ließ, die ich nicht hätte begehen sollen. Am Sonntagmorgen ging ich in die Gryphiusstraße, zu dem Mietshaus, in dem wir während meiner Schulzeit im Dritten Reich gewohnt hatten.

ehemaliges Wohnhaus der Familie Aberle in Hamburg, Gryphiusstraße 5/ Foto: Corinna Below

Das ehemalige Wohnhaus der Familie Aberle in Hamburg, Gryphiusstraße 5/ Foto: Corinna Below

Aber es war nicht das Haus, dem mein Interesse galt, sondern ich wollte ihn nochmals gehen, „den Weg durch die Kälte“, jenen so oft beschrittenen Weg, der zum Sabbat Anatevkas führte.
So begann ich, langsam die so bekannten Straßen zu durchwandern. Ich wusste, dass der Tempel am 10. November 1938 nicht zerstört worden war, wie die große Synagoge am Born­platz neben der Talmud Tora Schule. Der Grund: Der Tempel lag und liegt neben der Polizeiwache, und so wurde die „spontane Volkswut“ in das Innere des Gebäudes dirigiert.
Nach etwa zehn Minuten ließ ich den Leinpfad rechts liegen, über­querte die Alster, links war das frühere Schul­gebäude der Schwestern Lehmann, und über den Mittelweg kam ich zur Ober­straße. Als Erstes sah ich die Laterne vor der Polizei, und dann stand es vor mir, das Gebäude, das ich mit mir nach Südamerika getragen hatte, und dessen Fotografie in meinen Gebet­büchern abgebildet war.

Detlef Aberles Gebetbuch mit Widmung von Oberrabbiner Dr. Italiener/ Quelle: Detlef Aberle

Detlef Aberles Gebetbuch mit Widmung von Oberrabbiner Dr. Italiener/ Quelle: Detlef Aberle

Der in die Fassade eingelassene große siebenarmige Leuchter strahlte wie eh und je. Aber die Inschrift „Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker“ war verschwunden; stattdessen las man, in riesigen metallenen Lettern

„NORDDEUTSCHER RUNDFUNK“

Neue Inschrift am ehemaligen jüdischen Tempel an der Obberstraße: Norddeutscher Rundfunk/ Foto: Detlef Aberle

Neue Inschrift am ehemaligen jüdischen Tempel: „Norddeutscher Rundfunk“/ Foto: Detlef Aberle

Ich war mehr als erschüttert. Wie hatte ich mir alles so schön zurecht gelegt! Mein Leben war ja ganz normal!

Wie gerne erzählen wir das, was auch heute unseren Kindern leicht verständlich gemacht werden kann

Eine schöne Schulzeit in den gelieb­ten Schulen, mit vorzüglichen Lehrern. Meine Familie hatte keinen menschlichen Verlust durch Vertreibung zu beklagen gehabt. Es gab fast keine Emigranten meines Alters die Gelegenheit hatten, zu studieren. Ich arbeitete in einem interessanten akademischen Beruf, in einer Firma von Weltruf, die mir sogar erlaubte, Europa zu bereisen. Mit Frau und Kindern lebte ich im Lande des blauen Himmels, in einer Villengegend, in der so mancher Hamburger gerne leben würde.
Auch die deutschen Schriftsteller des besprochenen Buches haben immer und immer wieder versucht, ihre Jugend als „fast normal“ darzustellen. Wie gerne beschreiben sie all das, was man seinen Kindern leicht erzählen kann. Wie gerne wird da gesprochen von holländisch banderolierten Packungen wohl­duftender Zigaretten, von der Seligkeit, ein Jahr Schul­zeit geschenkt bekommen zu haben, von der Banalität des Bösen in einer eigentlich normalen Schul­zeit, vom Klimpern miserabler Schlager, von der Nachtbar Halali, vom Hin-und-her-Gezucke IHRES BDM-Salmis auf dem bibberdem Makkoturnhemd, kurz, wie gerne erzählen wir das, was auch heute unseren Kindern leicht verständlich gemacht werden kann.

Ich dagegen, habe meinen Kindern bis heute noch nichts erzählt

Ich bewundere Euch, deutsche Schriftsteller! Denn wenn ihr auch gern das Normale beschreibt, ihr habt es Euch keines­wegs leicht gemacht. All das, was man seinen Kindern so schwer erzählen kann, ihr habt tapfer versucht, es aufzu­zeigen. Ich dagegen, habe meinen Kindern bis heute noch nichts erzählt. Den Versuch, die Grundstimmung meiner Jugend zu beschreiben, ich mache ihn zum ersten mal, und ich hoffe, dass man Verständnis dafür aufbringen wird, dass es mir leichter fiel alles zuerst einem ehemaligen Hitlerjungen zu erzählen als meinen Kindern. Beide verstanden wir, dass uns ein gemeinsames Erlebnis einigte: der Aufbau im Untergang.

ehemalige Synagoge an der Oberstraße, jetzt NDR/ Foto: Detlef Aberle

Der ehemalige jüdische Tempel an der Oberstraße in Hamburg, jetzt NDR/ Foto: Detlef Aberle

Hier stand ich also vor dem Norddeutschen Rundfunk, und es war aus mit meinem Normalitätsfimmel. Ich entsinne mich, dass ich meine Kamera zückte, mit den Worten „Aha, Euch habe ich erwischt!“. Wen ich da „erwischt“ haben sollte, war nicht ganz klar: Offentsichtlich hatte der liebe Gott Vertreibungen, Folterungen, Vergasungen als nicht so ernst betrachtet, aber nun – Knips – hatte ich endlich das Beweismaterial, hier – Knips – gab es nichts mehr zu verheim­lichen.

Schräg gegenüber stand ein Wohnhaus mit geöffnetem Fenster. Man hörte Radiomusik. Hörte ich richtig? War das nicht der Choral, mit dem der Freitagabend-Gottesdienst begann?:

„Wie schön sind deine Zelte, Jakob,
Deine Wohnungen, Israel!“
Ja, es war nicht zu glauben, der ganze Sabbat-Gottes­dienst wurde übertragen. Schon sang der Chor:
„Wie eine junge Braut voll frohem Bangen
Ins Haus tritt, das die Liebe ihr bestellt,
So naht der Sabbat. Komm ihn zu empfangen,
den Tag, der dir dein irdisch Sein erhellt.“

Doch beim „Gebet des Rabbiners“:

„Was uns auch genommen werden mag, eines bleibt,
Die Verbundenheit mit Dir, die Sehnsucht nach Dir,
Der Du bist und bleibst unsrer Seele Heimat,
Quell und Mündung unseres Seins“,

wurde es den Radio-Hörern zu bunt: Sie schmissen die Apparate in hohem Bogen aus dem Fenster, so dass sie zu meinen Füssen zerschellten. Aber, oh Schreck, die Scherben sangen weiter, und desto mehr Apparate aus allen Fenstern flogen, desto lauter wurde der Gottesdienst! Ich floh, rannte ins Hotel, nahm meinen Koffer und fuhr zum Flugplatz.
Warum der Koffer so groß war, weiß ich nicht mehr. Ich hatte wahrscheinlich Einkäufe getätigt. Ein Flug nach Basel war nicht sofort verfügbar, so flog ich nach Zürich. Auf dem Bahnsteig stand schon der Zug nach Basel. Ich stieg ein, doch musste ich durch mehrere Wagen mit schmalem Korridor gehen, mit dem großen Koffer die Fahrgäste belästigend. So stieg ich wieder aus, lief den Bahnsteig entlang, und als ich am Ende des Zuges wieder einsteigen wollte, war er fort. Der nächste Zug ging erst in einer Stunde. Die ganze Wartezeit wanderte ich den Bahnsteig auf und ab, der schwere Koffer schlug andauernd gegen meine Beine, ich merkte es nicht.
Am nächsten Morgen erwachte ich in meinem Hotelbett in Basel, mit stark angeschwollenem Bein und einer starken Erkäl­tung.

Anmerkung

Am 9. November 1983 wurde eine Plastik von Frau Doris Waschk-Balz in der Treppenanlage des ehemaligen Tempel in der Oberstrasse eingeweiht.

Foto: Corinna Below

Foto: Corinna Below

Die Schrift „Norddeutscher Rundfunk“ wurde entfernt und die ursprüngliche Inschrift wieder freigelegt. Das Gebäude dient weiterhin dem NDR.

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