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AUFBAU IM UNTERGANG – Teil XIII

Februar 23, 2020

Detlef Aberle
AUFBAU IM UNTERGANG

13. KAPITEL

Ich war sehr verwirrt. Die Kleine sprach mit großer Sachlichkeit, so als ob nie etwas geschehen wäre. Bereits in so jungen Jahren war sie eine würdige Vertreterin bester deutscher und europäischer Kultur. Die Lehrer die ihr dieses Wissen vermittelt hatten, selbst wenn sie nur 10 bis 15 Jahre älter wären, mussten doch die Nazizeit gut gekannt haben! Aber nun befanden wir uns ganz reibungslos wieder in einem kulturell hochstehendem Lande mit bester europäischer Tradition.
Noch verwirrter wurde ich, als ich einige Tage später nach einem Alster-Spaziergang in meine Pension zurückkehrte und mir das von „Europe, 5 Dollars a Day“ empfohlene Haus einmal von außen gründlich ansah. Ein Messingschild kündigte meine Pension an; darunter war ein ähnliches Etablissement angezeigt. Im dritten Stock, aber, befand sich ein „Institut für die Geschichte der deutschen Juden“.

„Die Geschichte der deutschen Juden ist deutsche Geschichte“

Mit dem Fahrstuhl, dessen Langsamkeit annehmen ließ, dass er schon zu Zeiten des Ersten Weltkriegs funktionierte, fuhr ich in den dritten Stock, und wurde vom Direktor des Instituts, Herrn Dr. Peter Freimark, empfangen. Am Anfang glaubte ich in einer von Juden erhaltenen Stiftung zu sein und fragte ob hier eine Spende genehm sei. Erst das herzliche Lachen von Dr. Freimark machte mir klar, dass ich hier in einem deutschen Institut für meine Geschichte war.

Rothenbaumchausse 7 in Hamburg, 1. Sitz des Instituts für die Geschihte der Deutschen Juden/ Foto: Corinna Below

Rothenbaumchausse 7 in Hamburg, 1. Sitz des Instituts für die Geschichte der Deutschen Juden http://www.igdj-hh.de/IGDJ-home.html / Foto: Corinna Below

Der Leiter des Instituts beeindruckte mich sehr: „Die Geschichte der deutschen Juden ist deutsche Geschichte“, sagte er. Und un­glaublich war die Herzlichkeit mit der er von allen Begeben­heiten sprach. Kaum hatte ich erwähnt, dass ich Mitglied des Tempelverbandes gewesen war, da rief er schon aus: „Ach, da haben sie ja noch Herrn Dr. Italiener persönlich gekannt!“

Dr. Italiener/ Quelle: www.igdj-hh.de, Signatur: PER00097

Dr. Italiener/ Quelle: www.igdj-hh.de, Signatur: PER00097; https://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Italiener

Wie sollte ich ihn nicht gekannt haben, den Rabbiner bei dem ich Bar Mitzwah wurde, und einer meiner Streiche bestand darin, seine Predigten, die übrigens glänzend waren, zum Gaudium der anderen Schüler nachzuäffen.

Hier lebte meine Geschichte, lebendig durch die Arbeit und die Liebe von Deutschen

„Mit Herrn Direktor Spier stehe ich in Korrespondenz“ erzählte er mir, und ich rechnete schnell nach: Dieser Mann war kaum älter als 40 Jahre, war also noch nicht geboren als ich Deutschland verließ. Aber er wusste mehr, viel mehr, von meiner Geschichte als ich selbst. Und es war keineswegs ein trockenes, statistisches Wissen, wie es doch oft bei Historikern angetroffen wird. Hier lebte meine Geschichte, lebendig durch die Arbeit und die Liebe von Deutschen, die sich ihrer angenommen hatten.
Herr Dr. Freimark nahm sich Zeit, und wir hätten uns lange unterhalten können. Die Schuld, dass dieses so gute Gespräch vorzeitig abgebrochen wurde lag an mir. „Waren sie schon auf dem Rathaus?“, fragte er, und ich wusste natürlich, was gemeint war.
Die Stadt Hamburg ist, verglichen mit anderen deutschen Städten, immer judenfreundlich gewesen, und es gab eine Zeit, in der sie von Antisemiten spöttisch „Elbjerusalem“ genannt wurde. Es ist leider einigen Juden zum Verhängnis geworden, dass sie nach den ersten Boikotts im Jahr 1933 nach Hamburg „auswanderten“, denn dort war die Lage bis 1936 noch absolut erträglich. Auch nach dem Krieg hat sich Hamburg wieder hervorgetan. Im Jahr 1951 hatten zwei Hamburger Journalisten, Erich Lüth und Rudolf Küstermeier, zur „Aktion Friede mit Israel“ aufgerufen, und damit einen langjährigen Kampf begonnen der wesentlich dazu beitrug, ein humanes Deutschland international wieder glaubhaft zu machen.

In Hamburg unterhält der Senat ein Büro um den Kontakt mit den früheren jüdischen Mitbürgern zu pflegen. Besucht ein ehemaliger Hamburger seine Heimatstadt, so wird erwartet, dass er sich dort vorstellt. Man bewirtet ihn dann mit einer Theatervorstellung oder einer Hafen­rundfahrt, aber vor allem bittet man ihn, sich in das Buch der ehemaligen Bürger einzutragen, damit die Stadt durch regel­mäßige Sendungen von Literatur den Kontakt aufrecht erhalten kann.

„Nein, solange auf meiner Synagoge noch NORDDEUTSCHER RUNDFUNK steht“

Herr Dr. Freimark wollte also wissen, ob ich mich schon eingetragen habe, und die Antwort wäre einfach nein gewesen. Man hätte sich dann über die Bemühungen der Stadt unterhalten, die früheren Bürger sich wie zu Hause fühlen zu lassen. Aber es kam anders. Denn kaum hatte ich meinen Mund geöffnet, da quoll es hervor, es war stärker als ich, und ich hörte mich mit einem Ton großer Bitterkeit sagen: „Nein, solange auf meiner Synagoge noch NORDDEUTSCHER RUNDFUNK steht, verzichte ich darauf, mir vom Senat der Stadt Hamburg Opernkarten schenken zu lassen“.

Dr. Freimark schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Wir sind nun dabei, frühere jüdische Baulichkeiten unter Denkmalschutz zu stellen. Auch ihre Synagoge wird drankommen. Inzwischen, warum besuchen sie nicht ihre alte Schule?“
Ich verabschiedete mich.

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