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AUFBAU IM UNTERGANG – Teil VI

Januar 23, 2020

Detlef Aberle
AUFBAU IM UNTERGANG

6. KAPITEL

Es war unglaublich, wie schnell man vergaß, kaum war man dem Schiff entstiegen und hatte das Land des blauen Himmels betreten. Nicht dass man die Fakten vergessen hätte: O nein, mit Nachrichten wurde man ja tagtäglich und immer mehr ver­sorgt. Deutschland wurde bald zur Vedette des internationalen Nachrichtenwesens und die Zeitungen im Land des blauen Himmels mussten sechs mal täglich erscheinen um die sich überstürzenden Nachrichten darzubieten.

Auch von meiner alten Schule erhielt ich noch Nachricht:
Fünf Monate nach meinem Ausscheiden wurden über 1000 polnische oder "staatenlose" Hamburger Juden nach Polen vertrieben, darunter viele meiner Mitschüler.

Stolperstein vor der Talmud Tora Schule, Grindelhof 30 in Hamburg/ Foto: Corinna Below

Stolperstein vor der Talmud Tora Schule, Grindelhof 30 in Hamburg/ Foto: Corinna Below

Und falls der Leser sich aufgrund meiner Beschrei­bung noch keine richtige Vorstellung von Herrn Direktor Spier machen konnte: Er erreichte von der Gestapo den Auftrag, die Auswanderung gefährdeter Jugendlicher zu fördern. So begleitete Spier während der nächsten Monate Schülertransporte ins Ausland.

Es soll daran erinnert werden, dass in jener Zeit die "Reichskristallnacht" stattfand, während der das ganze Kollegium der Talmud Tora Schule verhaftet und zusammen mit einigen Schülern ins Zuchthaus Fuhlsbüttel eingeliefert wurde. Als sie zurückkamen, wurde der Unterricht sofort wieder aufgenommen.

Stolpersteine vor der Talmud Tora Schule/ Foto: Corinna Below

Stolpersteine vor der Talmud Tora Schule/ Foto: Corinna Below

Unter den vielen Berichten über jene Zeit möchte ich folgenden erwähnen. Er stammt von einem Schüler, Gert Koppel:

"Wie sahen sie aus! Sie hatten einige furchtbare Tage im KZ verbracht. Wenn wir auch von ihnen nicht hörten, wie sie geschlagen wurden, denn darüber durften sie nicht reden, so sahen sie wegen der vollkommen abgeschorenen Haare (und evtl. Bärte) ganz furchtbar aus, ein schreck­licher Eindruck auf uns Kinder. Mancher humpelte auch, man schlug im KZ während der langen Stunden des Stehens besonders gern mit Stöcken auf ihre Beine."

(Aus "Jüdische Schüler und Lehrer in Hamburg unterm Hakenkreuz", Freie und Hansestadt Hamburg, November 1988)

Etwas über ein Jahr nach meinem Austritt musste das Schul­gebäude geräumt werden, der Unterricht wurde in einem anderen Gebäude, in der Carolinenstrasse, weitergeführt.
Die letzten Reifeprüfungen fanden im Februar 1940 statt. Direktor Spier verließ Hamburg. Sein Nachfolger wurde Dr. Jonas, da die Talmud Tora Schule mit der jüdischen Mädchen­schule zusammengelegt wurde.

Schule Carolinenstraße/ Quelle: Landesbildstelle Hamburg

Schule Carolinenstraße in den 1970er Jahren/ Quelle: Landesbildstelle Hamburg

Die Fliegeralarme begannen. Alle Schüler und Lehrer mussten einen gelben Stern tragen, der Unterricht ging weiter.
Am 25. Oktober 1941 wurde der erste Todestransport mit 1034 Hamburger Juden zusammengestellt. Der Unterricht ging weiter.
Der zweite Transport verließ Hamburg am 8. November 1941. Der Unterricht ging weiter.
Am 18. November der dritte, am 6. Dezember der vierte Transport. Der Unterricht ging weiter.
Mit diesen Transporten wurde die Schülerzahl auf 76 reduziert. Der Unterricht ging weiter.

Wir hatten auch einen sehr schönen Chemie- und Physik­saal. Unterricht erteilte Dr. Arthur Toczek. Er war mein Lieblingslehrer und er mochte mich sehr gern. Zum Abschied schenkte er mir "Triumphe der Technik" von Hans Dominik. Dies Buch ist eines meiner teuersten Besitze. Auf der ersten Seite steht die Widmung: "Meinem lieben Detlef Aberle zur freundlichen Erinnerung".

Stoplerstein für Arthur Toczek vor der Talmud Tora Schule, Grindelhof 30 in Hamburg

Stoplerstein für Arthur Toczek vor der Talmud Tora Schule, Grindelhof 30 in Hamburg/ Foto: Corinna Below

1942, nach den oben erwähnten Transporten, mussten einige Klassen wegen der geringen Schülerzahl zusammengelegt werden. Die 7. und 8. Volksschulklasse wurde mit Quarta und Unter­tertia vereint und von Dr. Toczek geführt.
Am 30. Juni 1942 wurde die Schliessung meiner Schule angeordnet und am 15. Juli Arthur Toczek in den Tod geschickt. Auch er steht im schon erwähnten schwarzen Gedenkbuch. Ich gedenke seiner in Liebe.

Wir wurden von Helden zu deutschen Juden erzogen. Ein Held bin ich nicht geworden. Und deutsche Juden gibt es nicht mehr.

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