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AUFBAU IM UNTERGANG – Teil II

Januar 2, 2020

Detlef Aberle
AUFBAU IM UNTERGANG

2. KAPITEL

Wenn ich meine Schulzeit im Dritten Reich beschreiben soll, muss ich vor allem über jene Schule berichten, die mein Leben am meisten beeinflusst hat: Die Synagoge, den "Tempel" in der Oberstrasse.

Der Tempel in der Oberstraße/ Quelle: www.igdj-hh.de

Der Tempel in der Oberstraße/ Quelle: http://www.igdj-hh.de

Jede der drei Bildungsstätten, die mich formten, haben ihre Geschichte. Die Gründung des "Neuen Israelitischen Tempelvereins" in Hamburg erfolgte im Jahr 1817, und es ist kein Lokalpatriotismus, wenn ich sage, dass diese Gemeinde das neuzeitliche Judentum zuerst in Deutschland, später in den U.S.A. und in der ganzen Welt, grundlegend beeinflusst hat. Sie wurde 120 Jahre alt, den Dank­gottesdienst zum hundertzwanzigjährigen Bestehen habe ich kurz vor meiner Auswanderung noch miterlebt. Als meine Eltern sich entschlossen, mich zum Religionsunterricht zu schicken, wurden Gottesdienst und Unterricht bereits in dem 1931 ein­geweihten "Tempel" durchgeführt. Das hochmoderne Gotteshaus umfasste einen "großen" Betraum, für etwa 1200 Personen, eine "kleine" Synagoge, für etwa 130 Personen, einen Festsaal mit Theater- und Kücheneinrichtungen und die Schulräume. In die Hauptfront war ein riesiger siebenarmiger Leuchter eingelassen, über dem in hebräischer Sprache die Inschrift "Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker" eingraviert war.

Viele Juden der Generation meiner Eltern waren bereits vollkommen assimiliert, ohne Bindung an jüdische Religion, doch waren meistens die Großeltern noch mit den Bräuchen und dem Gedankengut der Väter vertraut. Dies traf jedoch nicht für meine Familie zu: Schon mein Urgroßvater, ein Freimaurer, stand dem Glauben ziemlich fern; obwohl meine Familie anfangs des 19. Jahrhunderts noch den Namen Löb Levy Aberle trug. Meine Mutter war als Studentin in Heidelberg, kurz nach dem ersten Weltkrieg, mit zionistischen Kreisen in Verbindung getreten und fühlte sich etwas mehr als Jüdin.
Ich war 6 Jahre alt, als ich mit meinem Vater im Stadt­park spazieren ging und empört darüber, dass er mir irgendetwas nicht kaufen wollte, "du Jude" zu ihm sagte. Das war nun doch meinem Vater zu viel und ich lernte meine Ahnen­tafel mit erheblichen blauen Flecken auf dem Popo.

Tempel in der Oberstraße, Innenraum/ Quelle igdj-hh.de

Tempel in der Oberstraße, Innenraum/ Quelle: igdj-hh.de

Als nun 1933 der Antisemitismus "offiziell" wurde, waren viele Eltern der Meinung, dass es höchste Zeit sei den Kindern die Grundbegriffe einer Religion beizubringen, die sie selbst nicht mehr besaßen. Nichts trauriger als für etwas angepöbelt zu werden, das man gar nicht kennt.

Fühlt nicht jeder Mensch, dass Leben heilig ist?

Dieser Aufgabe unterzogen sich die Religionslehrer des "Tempels" und nur echt religiöse Menschen mit einer im besten Sinne einfältigen Glaubenskraft, können eine so tief­greifende Wirkung auf Kinder haben. Uns schien, dass die 10 Gebote Naturgesetze seien: Musste man wirklich noch erklären, dass töten verboten sei? Fühlt nicht jeder Mensch, dass Leben heilig ist? Götzen zu dienen, irgendeiner Art, wo führte das hin? Stehlen? Ein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten? Nie wurden die "Anderen" ausdrücklich erwähnt, die da sangen "vom Messer spritzt" und "Heil Dir" brüllend daher­marschierten. Wir verstanden plötzlich, mit 10 Jahren, dass wir auf der richtigen Seite standen. Am besten aber gefiel mir das Gebot, den Sabbat zu heiligen und keineswegs aus Faulheit. Uns wurde beigebracht, dass Freude am Leben ein Gebot sei, dass der Mensch sein Leben im von Gott gewollten Rhythmus gestalten muss und dass der Kontrapunkt der Lebens­musik Arbeit-Freude-Ruhe heisst. Dass man sich freuen muss, trotz allem, das half uns den Druck von außen mit Gefühl und Licht von innen zu kompensieren. So waren die ersten Jahre meines Unterrichts im Tempel, die mit den Jahren in der Licht­warkschule zusammen­fielen, ein Gegenpol zum Antisemitismus.

Ein ganz besonderes Verhältnis entspann sich dann zwischen der Heiligen Schrift und mir

Dann kamen, nach dem ich aus der Lichtwarkschule herausgeschmissen wurde, die Jahre der Talmud Tora Schule und nun potenzierte sich die Lehre der beiden Anstalten zur Lebens­philosophie. Mit 13 Jahren wird der Jude "Bar-Mitzwa", was etwa der Konfirmation entspricht. Er wird nun als volles Mitglied der Gemeinde anerkannt. Meine Lehrer sahen mein Interesse für Religion und eine gewisse Begabung zum Vortrag und Singen. So wurde ich als "Chasan", das heisst, als Vorbeter ausgebil­det. Am Sabbat-Gottesdienst lesen die Juden aus der Tora-Rolle vor, so dass im Laufe eines Jahres das ganze alte Testament verlesen wird. Das durfte ich nun manchmal, sowie ab und zu bei einem Gottesdienst, "vorbeten". Unvergesslich sind mir die Nachmittage geblieben, an denen ich, ganz allein im grossen Kultraum, die Tora-Rolle "aushob", sie aus dem Schrein nahm, um für den nächsten Sabbat zu üben. Ein ganz besonderes Verhältnis entspann sich dann zwischen der Heiligen Schrift und mir und ich fühlte was es heisst, dem Volk des Buches anzugehören.

Natürlich war auch kindlicher Ehrgeiz, die Freude "etwas mehr als andere zu sein" dabei, wer wolle das leugnen? Aber es war nicht das Ausschlaggebende. Ausschlaggebend war die Lehre, den Kontrapunkt der Lebensmelodie zu hören, und jenes Licht zu sehen und zu fühlen, das von jeher allen Juden und besonders den Verfolgten, geleuchtet hat.


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