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Aufbau im Untergang – Teil I

Dezember 31, 2019

"Ein Held bin ich nicht geworden. Und deutsche Juden gibt es nicht mehr."

Detlef Aberle:
"... auf dass einst unsere Kinder eine erzählbare Ver­gan­genheit haben."

"Er ist ein ganz erstaunlicher Mensch!" Die Rede ist von Detlef Aberle. Schon 97 Jahre alt und topfit! Das sagen sie alle, mit denen wir am 17. September im Hogar Adolfo Hirsch unterwegs sind.

Detlef Aberle/ Foto: Corinna Below

Ilse Smilg zum Beispiel. Sie kennt den 97jährigen Hamburger seit Jahrzehnten. "Er war auch ein Kollege von mir." Beide haben in der Lebensmittelchemie-Branche gearbeitet.

Mit Ilse Smilg gehen wir ihn besuchen, in seinem Zimmer mit der Nummer 678.

Detlef Aberle und Ilse Smilg - dazwischen ich/ Foto: Saskia Gottstein

Seit bald zwei Jahren lebt er im Heim, weil es an der Zeit war, erzählt er mir. Er erzählt außerdem, dass er genau weiß, dass, wenn es ihm morgen geistig ein bisschen schlechter geht, man ihn hier deshalb nicht zur Seite schieben wird. Das Heim ist für ihn ein guter Ort.

Ich frage ihn, was er ist nach all den Jahren nach der Flucht aus Nazideutschland. Deutscher oder Argentinier? Er sagt: "Wissen Sie, im Grunde, sind wir alle noch viel mehr Deutsche als wir wahrhaben wollen. Meine Generation denkt deutsch." Und nennt ein Beispiel:  "Die Lebensmittel, die man so isst, ob das nun Erbsen, Linsen, Bohnen, Kartoffeln, Sauerkraut oder was sie sonst wollen ist, das habe ich doch als Kind gelernt! Und es fällt mir oft sehr schwer, schnell zu wissen, was heißt dann eigentlich Sauerkraut auf Spanisch?"

Wir haben über vieles geredet, auch darüber, dass er über seine Kindheit und Jugend in Hamburg, seine Flucht nach Argentinien und die Zeit nach dem Krieg einen Text geschrieben hat. Ein Nachwort zu dem Buch

"Meine Schulzeit im Dritten Reich - Erinnerungen Deutscher Schriftsteller", herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, Ausgabe Oktober 1984.

Detlef Aberle nennt seinen Text "Nachwort eines Nicht-Schriftstellers". Er hat ihn seinem deutschen Freund Dieter Frank in "seligem Gedenken" gewidmet.
Detlef Aberles Erinnerungen, sein Schreibstil, seine Wachsamkeit, aber auch sein Humor und seine Fähigkeit zur Versöhnung haben mich tief beeindruckt und berührt.

Man muss sich etwas Zeit nehmen, den Text zu lesen, denn er ist etwa 40 Din-A-4-Seiten lang. Aber bitte, es lohnt sich sehr!

 

Detlef Aberle
AUFBAU IM UNTERGANG

1. KAPITEL

Im Jahre 1933, als ich 10 Jahre alt war, erhielten meine Eltern einen "blauen Brief", jene gefürchtete Mitteilung in offiziellem blauen Kuvert, "dass wenn sich die Leistungen ihres Sohnes Detlef nicht bedeutend besserten, er das Klassen­ziel nicht erreichen werde".
Da traf es sich gut, dass jüdischen Professoren das Unterrichten an der Universität Hamburg gerade untersagt worden war. An der Fakultät für Psychologie lehrte der bekannte Kinder­psychologe Dr. William Stern mit seiner Assistentin, Frl. Dr. Betti Katzenstein.

Da es für letztere nicht so einfach war einen Ruf ins Ausland zu erhalten wie für ihren Chef, konnten meine Eltern sie für Nachhilfestunden gewinnen. So saß also diese Pädagogin, bald von mir "Iteb" (Betti von hinten gelesen) genannt, neben mir, während ich an meinem Schreibpult saß und meine Hausaufgaben machte.

"Iteb", Betti Katzenstein/ Quelle: História de Memória de Psicologia em SP

Man brauchte nicht unbedingt Universitätsprofessor zu sein, um den Grund meiner mangelhaften Leistungen zu ergründen: Ich war ein Tagträumer wie er im Buche steht und die Flucht aus dem Schulalltag war mir zur lieben Gewohnheit geworden.

Dieser Alltag fand in der Lichtwarkschule statt, einer der modernsten und fortschrittlichsten Schulen Deutschlands.

Lichtwarkschule/ Quelle: Digitale Landesbibliothek Berlin, weitere Bilder unter: http://photo.mprove.net/dransfeld/schumacher/211-lichtwark.html

Wir saßen in hellen Klassenzimmern, nicht etwa auf ungemüt­lichen Schul­bänken, sondern auf Stühlen, an um den Lehrer im Halbkreis aufgestellten niederen Tischen. Vom ersten Schuljahr an, der Sexta, war Koedukation eingeführt, und man achtete darauf, dass Jungen und Mädchen nebeneinander saßen. Schul­ausflüge ins Ausland gehörten zum Schulplan, das heisst, sie "hatten gehört", denn als ich 1933 in die Sexta eingeschult wurde, war es zu Ende damit; vieles wurde uns von älteren Schülern mit trauriger Begeisterung auf dem Schulhof erzählt. Wir hatten nur Gelegenheit, uns bei Ausflügen in die Lünebur­ger Heide in neudeutschem Sinne körperlich zu ertüchtigen.

Es wurde eben zu jener Zeit niemandem beigebracht, dass es im Leben wichtig ist, nicht immer mitzumarschieren

Sport war schon immer ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans gewesen und da wir in Hamburg waren, an erster Stelle das Schwimmen. Jeden Morgen marschierten wir in Vierer­reihen zur nahgelegenen Schwimmhalle. Da wurden lustige Lieder gesungen, wie zum Beispiel "Wenns Judenblut vom Messer spritzt". Ich marschierte mit zusammengebissenen Lippen mit, jedoch in gleichem Schritt und Tritt. Mir scheint, von jener Zeit ist mir das Gefühl geblieben, das ich später oft hatte, trotz des Mitmarschierens "nicht dazu zu gehören". Es wurde eben zu jener Zeit niemandem beigebracht, dass es im Leben wichtig ist, nicht immer mitzumarschieren. Außerdem war das für einen 10jährigen Juden damals sehr schwer.
Überhaupt, es scheint mir heute erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit der neue Geist in eine Schule mit bester humanistischer Tradition eindrang. Unser Klassenlehrer, Herr Dr.Dr. Böx, kam vom ersten Tag an in SA Uniform zum Unter­richt. Er war ein Nazionalsozialist erster Stunde, überzeugt von der vornehmen deutschen Gesinnung dieser Bewegung. Seine beiden Hauptanliegen waren die Reinheit der deutschen Sprache und die Gerechtig­keit. Nichts konnte ihn so erregen, wie die Verwendung von Fremdwörtern, ein Ausdruck der Verfrem­dung deutschen Seins, die aufzuhalten oberstes Gebot war. Auf dem Schulhof wurden wir von Schülern höherer Klassen gewarnt, ja nicht das Wort "Nase" zu benutzen, denn Nase käme von Nasus, einem lateinischen Wort, auf deutsch hieße es Gesichtserker. Da wir nicht genau wussten, ob man uns zum Narren halte, haben wir zwar das Wort Gesichtserker nie ver­wendet, jedoch das Wort Nase vorsichtshalber auch nicht.

Was die Gerechtigkeit anbetraf, so züchtigte Herr Dr. Dr. Böx kleine und große Vergehen mit einem, immer nur einem, Schlag auf den Hintern, wozu er einen Rohrstock verwendete. Je nach Vergehen wurde "Windstärke 1 bis 10" verabreicht, denn wir waren in Hamburg. Man erwartete, dass der Schüler, als echter Mann, aufrecht hervortrat und seinen allerwertesten freudig der gerechten Strafe entgegenstreckte. Nie kam es vor, dass etwa ein Vergehen mit falscher Windstärke bewertet wurde und schon gar nicht kam eine falsche Verabreichung in Frage. Mädchen bekamen die Hälfte, also statt fünf, zwei komma fünf, und man wusste, dass Herr Dr. Dr. Böx das Dezimalsystem beherrschte.

Juden wurden überhaupt nicht geschlagen. Erstens wollte sich Herr Doktor Doktor nicht nachsagen lassen, dass seine Abneigung gegen volksfremde Schüler ihn zu Ungerechtigkeit verleite; zweitens sah er es nicht als seine Aufgabe an, Judenbengel zu ertüchtigen; und drittens behandelte er uns überhaupt wie ein General die gefangenen Offiziere einer feindlichen Armee. So entsinne ich mich, zum Beispiel, dass ein anderer jüdischer Mitschüler, Mitglied des B.D.J.J. (Bund deutsch-jüdischer Jugend) einen Klassenaufsatz über einen Ausflug schrieb, bei dem eine Gruppe dieses Bundes mit einem Trupp der Hittlerjugend zusammengestoßen war. Es kam zu einer grossen Schlägerei, bei der - so der Aufsatz - die HJ zusammengeschlagen wurde. Herr Dr. Dr. Böx ließ diesen Aufsatz vorlesen, sicherlich um den beschämten Schülern zu zeigen, dass man sich besser auf die Befreiung Deutschlands vorbereiten müsse.

Wir hatten auch einen jüdischen Lehrer, Herrn Dr. Ernst Loewenberg. Ich wusste damals nicht, dass dieses Mitglied des Lehrkörpers fast eine historische Bedeutung für das Hamburger Schulwesen hatte.

Dr. Ernst Loewenberg/ mit freundlicher Genehmigung durch das Staatsarchiv Hamburg

Dr. Ernst Loewenberg/ Quelle: Staatsarchiv Hamburg/ http://www.igdj-hh.de

Anfang 1863 gründete Dr. Moritz Katzenstein eine jüdische höhere Schule für Mädchen, die "Höhere Mädchenschule". Nach dem Tode des Gründers übernahm der Vater unseres Lehrers, Dr. Jakob Loewenberg, die Schule und ich weiß heute, dass der bedeutende Hamburger Volksschullehrer und Bühnenautor Otto Ernst sowie auch Alfred Lichtwark zeit­weilig an dieser jüdischen Schule unterrichteten.

Dr. Ernst Löwenberg/ Quelle: igdj-hh.de

Dr. Jakob Löwenberg/ Quelle: Staatsarchiv Hamburg/http://www.igdj-hh.de/

Es wurden auch Nichtjuden aufgenommen, um das Verständnis zwischen Juden und Christen zu fördern. Der Sohn Jakobs, eben unser Lehrer Ernst, arbeitete zu jener Zeit in der Lichtwark­schule. Als sein Vater 1929 starb, ließ er sich beur­lauben, um das väterliche Werk weiterzuführen. Da ihn jedoch im Jahr 1931 die ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse zwangen, die Privat­schule zu schliessen, ging er wieder zur Lichtwark­schule zurück, wo er trotz der neuen Zeit gehalten wurde.

Ich sagte zwar nicht laut Heil, aber den Arm erhob ich

Ich füge diese geschichtliche Bemerkung ein, weil mir folgende Szene in Erinnerung geblieben ist:
Eines Tages kam die Verfügung heraus, dass der Lehrer bei Beginn der Klasse mit deutschem Gruß zu begrüßen sei, und dann den Gruß mit erhobenem Arm zu erwidern habe. Auch ich, wie alle jüdischen Kinder, grüßte also vorschriftsgemäß (hier war es wieder, ich sagte zwar nicht laut Heil, aber den Arm erhob ich). Als nun Dr. Loewenberg das Klassenzimmer betrat, standen die Kinder nur zögernd auf. Sie empfanden sehr wohl, mit 11 Jahren, dass ein geachteter jüdischer Lehrer nicht mit "Heil, ich soll untergehn" begrüsst werden konnte. Loewenberg sah die Verwirrung, und sagte: "Nun, einigen wir uns, Heil Hitler". Ich schämte mich damals, und ich schäme mich heute, denn heute weiß ich, dass ich genauso gehandelt hätte.

Aber es half Dr. Loewenberg nicht. Schon wenig später stand ich vor der Schule und sah, wie einige Lehrer ihn zum letzten Mal die Treppe zur Straße hinunterbegleiteten. "Ich hoffe, wir sehen uns wieder", sagte einer. "Ja, aber nicht hier", antwortete Dr. Loewenberg und ging.

Der Verjudung deutschen Schulwesens wurde immer mehr ein Ende gesetzt

Auch ich musste bald gehen, der Verjudung deutschen Schulwesens wurde immer mehr ein Ende gesetzt. So erhielt ich mein Abgangszeugnis, dass dank der Arbeit Itebs wenigstens genügend war, mit der Bemerkung "Jetzt verläßt er die Schule, um die Talmud Tora - Schule zu besuchen."

Abgangs-Zeugnis Detlef Aberle/ Quelle: Detlef Aberle

vor zu Kapitel 2


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