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AUFBAU IM UNTERGANG – letzter Teil

März 13, 2020

Detlef Aberle
AUFBAU IM UNTERGANG

15. KAPITEL

Drei Jahre später wurde mein Freund, Dieter Frank, von Basel nach Buenos Aires versetzt und wurde mein direkter Vorgesetzter. Unvorhergesehen war jener Pimpf, der, als meine Lehrer den Todeszug bestiegen, seine Karriere bei der Hitlerjugend machte, sich freiwillig meldete, kämpfte und bis zum Schluss an den Sieg der guten Sache glaubte, mein Vorgesetzter.

Dieter Frank, Vorgesetzter und Freund von Detlef Aberle, Foto mit der freundlichen Unterstützung durch den Sohn Ullrich Frank

Dieter Frank, Vorgesetzter und Freund von Detlef Aberle, Foto: mit freundlicher Genehmigung durch den Sohn Ullrich Frank

„Ich würde mich gerne einmal mit Ihnen darüber unterhalten“

Und wenn ich heute mit großem Respekt und freundschaftlicher Liebe seiner gedenke, so ist es, weil er bei seinem Antritt mir das hier besprochene Buch überreichte [„Meine Schulzeit im Dritten Reich. Erinnerungen deutscher Schriftsteller“. Herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki] mit den Worten „Ich würde mich gerne einmal mit Ihnen darüber unterhalten“.

Wir hatten Jahre lang gekniffen und aus Taktgefühl das heikle Thema nie berührt. Aber wie es so geht, wenn zwei Menschen eine Grundfrage wie aus Verabredung nicht anschnei­den, manchmal fällt dieses oder jenes Wort, nur so nebenbei hingeworfen und gleich wird wieder das Thema gewechselt, ohne die Antwort des Anderen abzuwarten.

Einmal bemerkte er, dass, wenn man ein wenig Fähigkeit zum Führen hatte, genug Intelligenz, um sich ein wenig zu profilieren, es damals die Hitlerjugend war, die Gelegenheit bot, eine kleine Rolle zu spielen, was ja jeder Junge schließlich gerne tut.

Er glaubte bis zum Ende an den Sieg

Die zweite Bemerkung bezog sich auf den Glauben: Er glaubte bis zum Ende an den Sieg, obwohl er sich entsann, dass seine Mutter schon lange zu zweifeln begonnen hatte.
Sein Vater war ein biederer, grundanständiger Mann, der alles was er tat mit großer Gewissenhaftigkeit ausübte, so auch seine bescheidenen Pflichten in der Partei. Es war diese Pflichterfüllung, die ihn ausgerechnet zu dem niedrigsten Parteirang aufrücken ließ, der dann später noch entnazi­fiziert wurde. Die moralische Qual, die dies für den Vater bedeutete, empfand der Sohn als ungerecht.
Mein Freund empfindet sich heute als einen grundsätzlich freien und der Freiheit verpflichteten Menschen, der einer­seits die Zivilcourage hat, für seine Vergangen­heit und seine Meinungen einzustehen, anderer­seits von der demokratischen Gesellschaftsform überzeugt ist. Da er sich nicht für besser als andere Deutsche hält, schließt er daraus, dass wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte, schließlich das deutsche Volk das Nazi-Joch ab­geschüttelt und sich seine Freiheit erkämpft hätte.
Bei allem Verständnis für die aufgezählten Gefühle, kann ich mit den vorgebrachten Meinungen kaum übereinstimmen. Allerdings, es soll noch einmal gerechterweise bemerkt werden, es handelt sich hier nicht um während einer Diskussion ver­teidigte Ansichten, sondern um hingeworfene Bemerkungen, aber gerade deshalb scheinen sie mir interessant.

Dass man damals in der Hitlerjugend war, ohne deshalb unbedingt ein begeisterter Nationalsozialist zu sein, ist ein Leitmotiv, das wir immer wieder in dem besprochenen Buch finden.

Foto: Corinna Below

Foto: Corinna Below

Wollten wir eine systematische Studie über die „Erinnerungen deutscher Schriftsteller“ machen, nichts liegt uns ferner, so müssten wir die Autoren in zwei Gruppen ein­teilen. Als Vertreter der ersten Gruppe nehmen wir Joachim Fest:

„…Unfähig oder eher unwillig zu jeder Form der Verstellung, hat mein Vater auch nach dem Januar 1933 aus seiner geradezu würgenden Verachtung für „die Nazi-Kumpanei“ , wie er sie nannte, kein Hehl gemacht und zum immer neuen, von frommen Anrufungen begleiteten Entsetzen meiner Mutter, seinen Groll auch im Familienkreis nie zurückgehalten. Die Gefährdung nahm er in Kauf, er könne kein Doppelleben führen, hörte ich ihn, Jahre später, bei einer Auseinandersetzung mit besorgten Freunden sagen. Aber das Vertrauen, mit dem er uns in all seinem Starrsinn belastete, gewann er als eine Art Verschworen­heitsgefühl zurück …“

Wir glauben, dass der Vater dieses Schriftstellers viel, viel mehr gewann, als das Verschworenheitsgefühl seiner Kinder. Er brachte es fertig, dass seine Kinder heute von jener Zeit frei erzählen können. Durch seine Zivilcourage hat er nicht nur seine Kinder gegen den Nazi-Bazillus immunisiert, sondern wir können uns gut vorstellen, dass seine Enkel ihren Vater oft baten, von jenen Tagen doch zu erzählen, was dieser dann gerne tat, denn, so beginnt die Erzählung „Glückliche Jahre“:

„Ich denke an die Schulzeit im Dritten Reich nicht ungern zurück.“

Zu jener privilegierten Gruppe von Schriftstellern gehören, mehr oder weniger, Heinrich Böll, Walter Jens, Barbara König, Günter Kunert und, soweit man da von „privile­giert“ sprechen kann, Marcel Reich-Ranicki.

Aber seien wir ehrlich: Wenn sechs von 17 Schriftstellern, also über ein Drittel, „von Haus aus“ gegen den Nazismus verteidigt wurden, so entspricht dieser Prozentsatz gewiss nicht dem Durchschnitt der Deutschen meiner Generation. Und wie der „normale“ Deutsche sich an jene Zeit erinnert, das scheint mir im besprochenen Buch am besten Peter Wapnewski ausgedrückt zu haben:

„So wurde man achtzehn, machte Abitur, das war 1941, die Fahne rief, man meldete sich – Ehrensache! -kriegsfrei­willig, ohne Enthusiasmus zwar, eher mechanisch und Felix Krull hatten wir noch nicht gelesen. Bis dann, bei dem einen früher, bei dem andern später, die große Desillusion die große Illusion ablöste. (…) War es so? Es war so – und doch auch ganz anders. Es gab ein Binnenklima der Lebensformen, das hatte mit all dem organisierten Jung- und Deutschsein nichts zu tun. Nicht etwa als ob wir hinter der braunen Fassade Wider­stands­kämpfer oder auch nur Antinazis gewesen wären. Das deutsche Volk, es hat Hitler gewollt und gewählt und wie die Alten sungen, so taten’s auch die Jungen. (…) Wir Schüler: Ich weiß ja nicht, wie es andernorts war, aber bei uns gab es keine fanatische, keine passionierte, keine heftige Jugend Hitlers. Sie alle machten eben mit, lustlos einige, lustvoll andere, gleichgültig viele, manche waren „Führer“ und zierten ihre Uniform mit einer Schnur. (…) Man versuchte, dem Staat zu geben, was des Staates war (was er jedenfalls einforderte) und war im übrigen privat. (…) Was freilich „Widerstand“ bedeutete, das wussten wir nicht, wollten es nicht wissen, ahnten es kaum. Und was aus ihren jüdischen Kollegen und Mitbürgern geworden war, das behielten die Eltern schön für sich.“

Ehrlich genug, den Glauben an den Endsieg, die große Illusion, zuzugeben

In meiner Privatsprache nenne ich diese Erinnerungsform „Die Jugend der doppelten Verneinung“. Wir waren keine Wider­standskämpfer. Es gab keine fanatische, passionierte, heftige Jugend Hitlers. Was Widerstand bedeutete, wussten wir nicht. Unsere Eltern waren keine Unmenschen. Es fehlt nur noch: Als wir ein schönes Mädchen sahen, blieben wir nicht unver­liebt. Beim ersten Geschlechts­verkehr blieb die Ejakula­tion nicht aus. Du liebe Zeit! Sowohl mein Freund als auch Wapnewski sind ehrlich genug, den Glauben an den Endsieg, die große Illusion, zuzugeben. Auch sie hatten ein Grundgefühl, ein Aufbau-im-Untergang-Gefühl. Im Gegensatz zu Joachim Fest, jedoch, ist diese Erinnerung sehr schwer erzählbar, dass man nämlich glaubte, Pardon, dass man nämlich nicht nicht glaubte, einem auser­wählten Volke an­zu­gehören, dass der Endsieg errungen werden würde, und zwar der Sieg über all das, was wir heute als anständig, erreichenswert, menschlich, demokratisch, ja, über all das, was wir heute als „deutsch“ empfinden. So fühlen wir keinen Drang, ungefragt zu erzählen und schließlich verbleibt die unaus­gesprochene Bitte: Nie sollst Du mich befragen.

Deshalb schätze ich das Gefühl der inneren Verpflichtung meines Freundes zu befragen und klar empfinde ich die Tragik, die in den Worten Wapnewskis liegt:

„Damals: das ist nun lange her und ist nie vorbei. Rührend fast, dass wir einmal glaub­ten, es lasse sich diese Art von Vergangenheit „bewältigen“, solange noch die Generationen leben, die diese Vergangenheit waren, die diese Vergangenheit sind.“

Man hat nicht das Recht, einem Deutschen den „Vorwurf“ zu machen, dass er in jener Zeit kein Widerstands­kämpfer war. Aber wir haben das Recht und vielleicht die Pflicht, immer wieder darauf hinzuweisen, dass jene Jahre in der Hitlerjugend keine „normalen“ Jahre waren, dazu angetan, das in der Jugend Erlebte seinen Kindern weiter zu geben. Es war nicht so, dass man „eben so mitmachte“, müde, lustlos, ohne Folgen für das spätere Leben. Jeder von uns ist verpflichtet „sich immer wieder zu befragen“ und ehrlich die Gefühle jener Zeit heraufzubeschwören. Unsere Generation muss täglich aufs Neue mit der Vergangenheit brechen.

Das unerzähl­bare Lebensgefühl jener Zeit

Auch den deutschen Juden wurde immer wieder der Vorwurf gemacht, be­sonders in Israel, dass sie sich widerstandslos hätten nieder­metzeln lassen. Nur im Warschauer Ghetto sei man würdig gestorben, als Wider­standskämpfer. Was war das für eine Art, die Seife mit der eingravierten Nummer in der rechten Hand, stramm zu stehen zur Vergasung? Und auch wird uns, den Überlebenden deutschen Juden, vorgeworfen, heute noch immer viel zu „deutsch“ zu sein, letzten Endes immer noch im Jahre 1911 zu stehen, immer noch zu glauben „Treue gegen sich selbst und andere, Festigkeit und Kraft, Ernst und Mut im Handeln zeichnen den deutschen Mann aus“, zu schnell Verständnis dafür aufzubringen, dass man beim mörderischen Weltuntergang nur „nicht anti“ war. Und viel­leicht ist es kein Zufall, dass die Auf­for­derung „darüber zu sprechen“ zu einem Gespräch zwischen zwei Menschen wurde, bei denen die Kenntnis über das unerzähl­bare Lebensgefühl jener Zeit voraus­gesetzt werden kann.

Was nun die Entnazifizierung betrifft, möchte ich folgen­des sagen: Thomas Mann hat in seinem Roman „Buddenbrooks“ einen Schultag des kleinen Hanno beschrieben. Der Ordinarius Doktor Mantelsack prüft in der Lateinstunde den Schüler Timm. Diesem gelingt es, das Buch unter dem Tisch hervorzu­ziehen und obwohl er nichts kann, bekommt er eine befriedigende Note. „Das Merkwürdige aber war, dass in diesem Augenblick nicht allein der Lehrer, sondern auch Timm selbst und seine sämtlichen Kameraden der aufrichtigen Ansicht waren, dass Timm wirklich und wahrhaftig ein guter und fleißiger Schüler sei, der seine gute Note vollauf verdient hatte.“ Dann kommt der Schüler Mumme dran. Er war zu kurzsichtig, um aus dem vor ihm liegenden Buch zu lesen. Er wird vom Lehrer als dumm und faul mit einer schlechten Note bedacht. „Mumme versank. Er sah aus wie das Unglück und es gab in diesem Augenblicke niemanden im Zimmer, der ihn nicht verach­tet hätte.“ Schließlich kommt die Reihe an Buddenbrook selbst, der keine Ahnung hat. Da ihm jedoch der Vordermann, Hans Hermann Kilian, das offene Buch hinhält, bekommt er eine gute Note. „Wie es vorher bei dem Rhapsoden Timm gewesen war, so auch jetzt. Er konnte nicht umhin, sich durch das Lob, das in Doktor Mantel­sacks Worten enthalten gewesen war, aufrich­tig getroffen zu fühlen. Er war in diesem Augen­blick ernstlich der Meinung, dass er ein etwas unbegab­ter aber fleißiger Schüler sei, der verhältnismäßig mit Ehren aus der Sache hervor­gegangen war und er empfand deut­lich, dass seine sämtlichen Klassen­genossen, Hans Hermann Kilian nicht ausgeschlossen, ebender­selben Anschauung huldigten.“

Jeder Entnazifizierte stellvertretend für viele

Ach, wenn sich nur damals alle Deutschen, die nicht in die Entnazifizierungskategorie fielen, selbst befragt hätten! Ein großer Teil hätte Solidarität mit den kleinen Partei­gängern empfunden, hätte gewusst, dass jeder Entnazifizierte stellvertretend für viele stand. Der Vater meines Freundes hätte dann vielleicht Pech gehabt, jedoch verstanden, dass ihm in tieferem Sinn Recht geschehen sei. Aber es kam umgekehrt: So wie in der von Thomas Mann beschrie­benen Schule, war jeder nicht Entnazi­fi­zierte fest davon überzeugt ein Antinazi, aber auf jeden Fall kein Nazi, schlimmstenfalls kein Antinazi, gewesen zu sein. Wie gut, so dachten sie, dass es dem Anderen an den Kragen geht, denn das beweist ja nur: mich trifft keine Schuld.

Als Jude kann ich mir keine nur eine Minute länger dauernde Naziherrschaft vorstellen

Wenn mein Freund glaubt, auch bei einem Siege Deutsch­lands hätte sich schließlich die Freiheit durchgesetzt, so möchte ich dieser Ansicht ganz energisch entgegentreten. Als erstes kann ich mir als Jude keine nur eine Minute länger dauernde Naziherrschaft vorstellen. Als am 14. Februar 1945 der 17. Transport von Juden in Richtung Theresienstadt den Hamburger Bahnhof verließ, wusste man, dass dort die „Umladung“ nach Auschwitz vorgenommen wurde. Da jedoch der Krieg schon fast verloren war, fehlte das notwendige Eisen­bahnmaterial und so kehrten die Todeskandidaten, bis auf vier, wieder nach Hamburg zurück.

Wenn der Krieg gewonnen worden wäre, hätte dies nicht nur eine endlose Kette von Grausamkeiten in den besiegten Ländern verursacht, sondern für lange Zeit hätte man die tapferen deutschen Kriegsteilnehmer durch Aussaugen der besiegten Länder mit Vorteilen überhäuft. Es hätte lange gedauert, bis das siegreiche System sich tot­gelaufen hätte.

Nein, die Deutschen waren auf der falschen Seite!

Viele Deutsche haben sich eine verbogene und sehr gefähr­liche Anschauung zurecht gelegt: Waren wir nicht immer schon auf der richtigen Seite? Haben wir nicht gegen Russland gekämpft? Und jetzt, hat das freiheitsliebende deutsche Volk nicht die Freiheit im Osten erkämpft? Die Mauer ist gefallen! Nein, die Deutschen waren auf der falschen Seite! Wenn auch Stalin ein Schwerverbrecher war, verglichen mit Hitler war er der Vorstand eines Wohltätigkeitsvereins für Kinder. Die Deutschen in der DDR waren durch ihre Erziehung im Dritten Reich so gut für den Kommunismus vorbereitet, dass sie bei der Niederschlagung des Prager Frühlings eine führende Rolle spielten und schließlich das Reich Honeckers der konser­vativste Staat hinter dem eisernen Vorhang wurde. Gorbatschow musste mit dem Zaunpfahl winken, bevor die Vopo die Mauer durchbrach, damit tausende von freiheits­liebenden Deutschen nach West-Berlin strömen konnten, um sich 100 DM schenken zu lassen. Auch hier sollte man sich einmal ehrlich befragen, ob nicht, zum Beispiel, die verachteten Polen (Wer wird schon einen Polen mit einem Deutschen vergleichen!) mit ihrer Gewerkschaft „Solida­rität“ viel mehr für die Freiheit getan haben als die Deutschen. Und was die Bundes­republik anbetrifft: Wie viele Briefe erhält eigentlich der Bundes­präsident täglich von Bürgern, die ihm schreiben sollten, dass sie in einem Land nicht leben wollen, in dem ein ehemaliger SA Mann eine erfolgreiche Partei leitet? Wie viele Deutsche schämen sich ehrlich darüber, dass im Europa Parlament in Strassburg die rechts-rechts-rechts-Radikalen wieder durch Deutsche vertreten sein werden? Wie viele Deutsche sind heute ehrlich darüber empört, dass ein Deutschland, in dem eine „Deutsche National- und Soldaten­zeitung“ gut verkauft wird, nicht das Land ist, für dessen Freiheit sie „gekämpft hätten“, wenn der Krieg gewonnen worden wäre? Nein, aus zu viel Nicht-Anti-Nazis sind zu viel Nicht-Anti-Demokraten geworden.

Auf dass einst unsere Kinder eine erzählbare Ver­gan­genheit haben

Goethe hat in seinem Gedicht „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ gezeigt, dass auch derjenige, der durch Armut schuldig wurde, seine Schuld sühnen muss. Fallada hat in „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ nachgewiesen, dass, wer ganz unten war, sich niemals mehr ganz frei in der Gesellschaft fühlen kann. Dass der erste Weltkrieg einer Generation unheil­bare Wunden schlug, „auch wenn sie ihren Kanonen entkam“, beschrieb Erich María Remarque. Wenn wir heute, bei unserer Buchbesprechung, Hans Bender zitieren,

„Wir waren präpariert für die Zeit, die den Schuljahren folgte und die uns noch tiefer hineinriss in die Schuld und das Unglück unserer Generation.“

oder wenn wir uns auf die Generation der Verfolgten beziehen, für die das schon einmal zitierte Wort von Peter Wapnewski auch gilt,

„Rührend fast, dass wir einmal glaubten, es lasse sich diese Art von Vergangenheit „bewältigen“, solange noch die Generationen leben, die diese Vergangenheit waren, die diese Vergangenheit sind.“

so müssen wir bekennen: Wir alle haben unser Schicksal bewusst zu tragen, haben die Verpflichtung mit schwerer Sisyphus-artiger Arbeit die Gegen­wart täglich neu aufzubauen, ohne Möglich­keit auf die Melodie der Jugend zu lauschen, auf dass einst unsere Kinder eine erzählbare Ver­gan­genheit haben.

Nie sollst du mich befragen!

Wir sitzen in der Oper. Ach, wir sind ja so froh, dass es nun zu Ende ist mit der Gottesstreiterei. Nun sehen wir etwas angenehmes: Lohengrin geleitet seine Braut zum Altar, nach der Pause wird der Hochzeitsmarsch kommen und wenn uns auch alle echten Musikliebhaber darob verachten, wir freuen uns darauf, während der Pause einen guten Kaffee in der Opern-Konditorei zu trinken. Da, im letzten Moment, als Lohengrin, begleitet vom König, mit seiner Braut die Treppen zur Kathedrale hinauf­steigt, als der Vorhang schon fällt, erschrecken wir zutiefst: Da ist es, das Motiv: Nie sollst du mich befragen! Und wir wissen, sie wird nicht durchhalten, sie wird ihn befragen, nein, diese Geschichte geht nicht gut aus.

Unsere Geschichte und die Geschichte unserer Kinder dagegen wird nur dann gut ausgehen, wenn wir uns befragen. Dank sei meinem seligen Freund Dieter dafür, dass er den Mut dazu hatte.

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Comments

  1. Kai Schäfer - Mai 26, 2020 at 7:58 pm - Antworten

    Moin Frau Below, liebe Grüße aus Schlutup, hier Pastor Kai Schäfer. Ich bin Ihrer Einladung ins Land deutscher Geschichte(n) gefilzt! Ein tolles Werk geben hier das wichtige Dach. Viele Geschichten retten Sie für die Nachwelt. Den wichtigen Spruch auch für Ihre Arbeit, Ihrer persönlichen Motivation – aber auch deutscher Suchbewegung in Richtung Versöhnung kennen Sie sicherlich: “Das Geheimnis der Erlösung heisst Erinnerung“. Ich weiss nicht mehr genau,wer den Spruch geprägt hat, vielleicht Elie Wiesel.
    Ihnen Gottes Segen für Ihre Arbeit!

    Danke f Hinweis zum Fall Biberstein. Nicht das war ungewöhnlich, sondern “normal“ im Nationalismus, was auch Kirchenvertreter alles „mit“gemacht haben. Ungewöhnlich war: NICHT mitzumachen…

    Habe noch Tippfehler entdeckt bzw ein „hat“ fehlt auf d Seite Ihrer persönl Vorstellung:
    Auch die sogenannte Geschichte nach der Geschichte, also die deutsche Nachkriegsgeschichte, finde ich hochspannend, weil sie viel mit mir selbst zu tun. Immer wieder drehe

    • Corinna Below - Juli 8, 2020 at 7:13 pm - Antworten

      Moin Herr Schäfer, lieben Dank für Ihr Feedback, reichlich verspätet. Und danke für den Hinweis.
      Beste Grüße

  2. Kai Schäfer - Mai 26, 2020 at 8:01 pm - Antworten

    Hätte Mail nochmal lesen sollen. Autokorrektur hat zugeschlagen….


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