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TRUDE GOLDSCHMIDT

Trude Goldschmidt kann manchmal selbst kaum glauben, wie viel Glück sie im Leben hatte. Dann sagt sie, „das kann man sich nicht vorstellen!“ Immer wieder in ihrem Leben sind ihr Menschen begegnet, die sie unterstützt, die zu ihr gehalten haben. Das hat sie geprägt. Sie strahlt übers ganze Gesicht.

© Tim Hoppe

Schon als Kind ist die kleine Trude ein fröhlicher Mensch. Vielleicht, weil sie am Niederrhein geboren wurde? Am 12. September 1919 kommt sie als Trude Jacob in Dinslaken zur Welt. Sie geht schon mit fünf zur Schule. Zu früh, wie sie heute sagt. Geschadet hat es ihr aber nicht. Sie bleibt ein aufgewecktes Mädchen.

Die Nazis machen ihre Zukunftspläne zunichte

Später einmal möchte sie Sportlehrerin werden. Doch die Nazis machen ihre Zukunftspläne zunichte. Die Höhere Töchterschule kann sie nicht beenden. Stattdessen beginnt sie eine Lehre als Schneiderin und besucht die Berufsschule in Wesel. Ihre Gesellenprüfung schließt sie 1937 mit einem „Sehr gut“ ab. Dass sie als Jüdin nach 1933 überhaupt noch eine Ausbildung machen kann, sei ungewöhnlich gewesen. Dass sie diese Ausbildung auch beendet, grenze an ein Wunder, wie sie sagt. „Ich hatte ein phantastisches Verhältnis zu meiner Lehrerin. Die war so was von nett, das kann man sich nicht vorstellen.“ Nur ihretwegen seien auch die Mitschülerinnen nett zu ihr gewesen. Da ist sie sich sicher. Bis zum Ende hat dieses Fräulein Kersting ihre schützende Hand über Trude gehalten.

„Juden durften nichts mehr machen.“

Sie habe dennoch gemerkt, dass sie anders ist, als die anderen, erzählt Trude Goldschmidt und wird plötzlich ganz ernst. „Juden durften nichts mehr machen.“ Ein Junge, der in dieselbe Berufsschule geht, begleitet sie trotzdem jeden Tag zum Zug. “Ich fand das schrecklich gefährlich“, sagt sie. Trotz der Angst habe sie sich darüber aber auch gefreut.

„Meine Eltern haben nichts begriffen.“

Die Angst über die Zukunft wird trotz dieser positiven Erlebnisse immer stärker. Trude, die in der Zwischenzeit geheiratet hat, will auswandern. Doch ihr Vater, ein deutscher Offizier, will sie nicht gehen lassen. „Meine Eltern haben nichts begriffen.“ Trude Goldschmidt verlässt zusammen mit ihrem Mann und ihrem Bruder Genua am 3. November 1938. Nur sechs Tage später wird ihr Geburtshaus in Dinslaken zerstört. Bis 1942 leben die Eltern und eine Schwester bei Verwandten in Moers bei der Großmutter. Dann werden sie ins KZ deportiert. Alle drei kommen ums Leben. „Alle, alle. Auch die Brüder meines Vaters und die Neffen. Alle.“
Als ob sie es ahnen, dass sie sich nie wieder sehen werden, ist der Abschied sehr schmerzhaft. „Schrecklich! Furchtbar!“ ruft sie aus. „Da habe ich zum ersten Mal gesehen, dass mein Vater geweint hat. Es war grauenhaft.“ Aber es gibt keinen Weg zurück. Mit einem Touristenvisum reisen Trude und die zwei Männer nach Uruguay.

„Heute würde ich mich doch zu Tode ängstigen.“

Dort steht Trude das Glück zur Seite. Während die zwei Männer am Río Paraná am Strand liegen, weil sie keine Arbeit finden, hat sie es „wieder furchtbar einfach“. Sie lacht, „Da war eine ganz reizende Frau, die früher auch genäht hat, und die hat gesagt, „Komm mal her, mein Kind, ich gebe dir all meine Kundschaft.“ Und von da an hat sie „noch und noch“ zu tun. Doch weil ihr Mann in Uruguay für sich keine Zukunft sieht, fährt er mit einem Touristenvisum nach Buenos Aires. Er beschließt, mit seiner Trude und dem inzwischen geborenen Sohn dorthin auszuwandern. Und weil sie nicht legal einreisen können, fährt Vater mit Sohn ein zweites Mal als Tourist nach Argentinien, während die junge Mutter „bei Nacht und Nebel“ mit zwei jungen Männern über den Río Paraná hinüber rudert. „Das war ne tolle Sache“, erinnert sich die heute 86jährige. „Wenn man jung ist nimmt man so was gar nicht tragisch. Heute würde ich mich doch zu Tode ängstigen.“

„Wie die uns geholfen haben! Unwahrscheinlich!“

Am Ende geht alles gut, und sie fangen in Buenos Aires neu an. 1948 können sie sich sogar legalisieren. „Da habe ich meine cédula bekommen, aber als Deutsche.“ Sie ist nie Argentinierin geworden. Und sie war auch nie Uruguayerin, obwohl sie das Land liebt und die Menschen phantastisch waren, „das kann man sich nicht vorstellen“, sagt sie als ob sie es selber nicht glauben kann. Sie erinnert sich gerne an diese Zeit. „Wir waren arme Emigranten. Und wie die uns geholfen haben! Unwahrscheinlich!“ Sie hat sich bis heute diese Begeisterungsfähigkeit bewahrt und glaubt an das Gute im Menschen. Vielleicht hat sie deshalb auch ein gutes Verhältnis zu Deutschland. Sie ist Mitglied der christlich-jüdischen Vereinigung und war etliche Male in ihrem alten Heimatland. Und immer wieder ist sie Menschen begegnet, die „unwahrscheinlich nett“ waren. Mit vielen ist sie befreundet. „Bueno, viele würden sagen, ich bin zu deutschenfreundlich. Ja, aber dann sach ich immer, man kann doch nicht das ganze Leben hassen.“

Seit 30 Jahren kommt Trude Goldschmidt jeden Donnerstag nach San Miguel ins Hogar Adolfo Hirsch. Hier kann sie von all dem Glück, dass sie im Leben gehabt hat und ihrer positiven Lebenseinstellung ein wenig weitergeben. Das tut sie gerne.

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