Toggle Menu

SIEGFRIED BUSTIN

Zurückhaltend und wie unbeteiligt sitzt er da, auf seinem Stuhl am Tisch in seinem Zimmer Nummer 667. Er zeigt mit einem gewissen Stolz ein Heftchen über Tutzing. Siegfried Bustin bekommt leuchtende Augen, als er die entscheidende Seite aufschlägt, denn auch sein Vater wird erwähnt. Der war vor der Machtergreifung einziger Klempner in dem 5000-Seelen-Ort in Bayern und dazu sehr anerkannt und beliebt, so erinnert sich sein 89jähriger Sohn. Das ist heute alles weit, weit weg, aber das Heftchen ruft die Erinnerungen an die schöne Zeit in Deutschland wach, so oft er will.

© Tim Hoppe

Siegfried Bustin hat viel Zeit, sich der Vergangenheit zu erinnern. Vor vier Jahren schon kam er raus nach San Miguel, weil seine Frau sehr krank war. Bald darauf starb sie. Einsam fühlt er sich aber nicht, denn er hat eine Freundin im Heim. Sie heißt Ruth Rosenstiel und ist sehr schüchtern und zurückhaltend, deshalb habe sie auch nicht bei dem Interview dabei sein wollen, sagt er. Aber heute geht es ja auch um ihn.

„Als die Nazis an die Macht kamen, wurden wir trotzdem noch gut behandelt“

Siegfried Bustin kam als Nachzögling im Jahre 1916 in Tutzing bei München zur Welt. Seine Familie sei die einzige jüdische Familie im Ort gewesen. „Als die Nazis an die Macht kamen, wurden wir trotzdem noch gut behandelt“, erzählt er und freut sich darüber noch heute. Er erzählt weiter, wie er sogar seinen Schulabschluss habe machen dürfen. Bescheiden, als ob es ein Geschenk war, dass ihm eigentlich nicht zustand. Er erzählt von einer Radreise, die er mit zwei Kameraden nach Berchtesgaden gemacht hat. In einer Herberge pöbelte eine Gruppe Hitlerjugend aus Nürnberg „und die haben mich gefragt, ob ich Jude bin und ich habe gesagt „Ja“.“ Sie hätten ihm nichts Übles getan, erinnert sich der alte Mann heute. Nein, es ist noch gut gegangen. „Sie haben mich durch den Ort geführt und diese hässlichen Lieder gesungen: „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt ...“ Er meint er habe Glück gehabt. Sie hätten ihn ja auch schlagen können. Seinen Freund haben sie sich statt dessen vorgenommen, sozusagen als Judenfreund. Auch wenn er die Geschichte heute fast beiläufig erzählt und sich der Eindruck aufdrängt, es sei für ihn in Ordnung gewesen – Familie Bustin hat früh erkannt, dass Juden in Deutschland nicht mehr erwünscht sind. Eine ganze Weile nach dem Tod seiner Frau, hat Siegfrieds Vater eine christliche Freundin gehabt. Für einen Nachbarn aus Tutzing Grund genug, ihn der Rassenschande wegen anzuzeigen. Der Vater wurde verhaftet, doch ein Verwandter, ein Anwalt aus München konnte die Internierung in Dachau im letzten Moment verhindern. Das war die Initialzündung für die Auswanderung.

„Das war eine goldene Zeit. Es ging uns sehr gut.“

Ein Onkel lebte schon lange in Argentinien. Auch die Schwester war schon 1927 gegangen. Siegfried fuhr allein vor. 1937. Da war er noch nicht ganz volljährig. Von Hamburg aus ist er mit einem Schiff der Hamburg-Süd, der Cap Arcona nach Buenos Aires gekommen. „Mir hat das alles nicht so viel ausgemacht. Die Reise war schön und meine Schwester und mein Onkel waren ja schon dort und die haben mich am Hafen abgeholt.“ Kurz nach der Ankunft hat er Kontakt zum Hilfsverein der Deutschen Juden und zu dem jüdischen Club Bar Kochba aufgenommen. Dort hat er Fußball gespielt. „Dadurch habe ich schnell Anschluss gefunden.“ Auch beruflich hat er sich im Laufe der Jahre etablieren können. Zusammen mit einem Vetter machte er eine eigene kleine Ferretería, einen Eisenwarenhandel im Zentrum auf und nach 10 Jahren dann eine große. „Das war eine goldene Zeit. Es ging uns sehr gut.“ Er hatte in der Zwischenzeit geheiratet, wurde Vater eines Sohnes. Alles ging so seinen Gang und beschweren über sein Leben könne er sich nicht. Nur ein Onkel ist umgekommen, in Dachau. Alle anderen haben es geschafft und sind nach Argentinien gekommen.

„Man wundert sich doch, wozu ein Kulturvolk in der Lage ist.“

„Groll empfinde ich gegenüber Deutschland nicht, aber man wundert sich doch, wozu ein Kulturvolk in der Lage ist.“ Heute fühlt er sich als Argentinier, „aber ich denke viel Deutsch. Wir spielen Karten. Mein Leben ist doch noch sehr deutsch. Das ist kein Wunder. Ich war immer mit deutschen Juden zusammen.“ Und nun ist das Hogar Adolfo Hirsch sein Zuhause, das Altenheim der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens.

Ein kleines Stück...
Deutschland
%