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RUT MARX

„Wie konntet ihr so blöd sein?“ hat sie ihre Eltern immer wieder gefragt. „Hab ihr denn das nicht gemerkt, gesehen und gelesen?“ Rut Marx konnte nie verstehen, dass es zu der massenhaften Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden kommen konnte. Und sie hatte Wut im Bauch. Eine Wut gegen alles Deutsche, auch gegen das Deutschsein der Eltern.

© Tim Hoppe

In Argentinien, der neuen Heimat der Familie Kagan, spricht sie zunächst nur Spanisch. Deutsch spricht sie nie. “Ich hab‘s verpönt“ sagt sie, „Ich wollte nix wissen.“ Heute arbeitet sie als voluntaria im Altenheim für deutschsprechende Juden und oft spricht Deutsch, wenn es sich ergibt.
Rut Marx kommt am 16. Juli 1932 in Breslau als Rut Lea Kagan als einziges Kind gläubiger Juden zur Welt. Ihr Vater arbeitet in einem großen Warenhaus, ein Mann mit Geschmack, wie sie sagt.
Rut ist vier Jahre alt, als die Familie den Kontinent in Richtung Freiheit verlässt. Vier Jahre sei zu jung, sagt sie, um eigene Erinnerungen zu haben, zu jung um zu verstehen, was vor sich geht. Aber die Geschichten über die Nazizeit und die Auswanderung hört sie im Laufe ihres Lebens immer wieder, und sie prägen sie.

„Nehmt euer Handgepäck und euer Baby und haut ab über die Grenze.“

Im August 1933 wird Alfred Kagan, der aus Kiew stammende Jude festgenommen. Er kommt in ein Konzentrationslager. Einen Monat lang wird er dort inhaftiert. Kurz darauf kommt er wieder frei. Ein befreundeter Anwalt, der NSDAP-Parteimitglied ist, hat sich für den jüdischen Freund eingesetzt. Eines abends ruft dieser Freund an und sagt zur Mutter, „Hör mal zu, der Alfred kommt heute abend raus. Tut mir einen gefallen, nehmt euer Handgepäck und euer Baby und haut ab über die Grenze. Denn noch mal kann ich den Alfred nicht retten.“ Sie nehmen die Warnung ernst, nehmen alles, was ihnen bei der Verhaftung des Vaters nicht von der SS genommen wurde, packen die Schabbesleuchter in eine Tasche, nehmen das Baby und fliehen über die Grenze in die Tschechoslowakei. Die Grenzbeamten muss der Vater bestechen, so erzählt er seiner Tochter viele Jahre später.
Rut kommt mit ihren Eltern bei Onkel und Tante unter. Auch die Großeltern und der Bruder der Mutter kommen am nächsten Tag nach.
Drei Jahre leben sie illegal in einem kleinen Dorf. Ruts Vater eröffnet zusammen mit dem Großvater „ein kleines Geschäftchen“, wie Rut erzählt. Und hier setzen ihre kindlichen Erinnerungen ein. Sie erinnert sich an das Haus in dem sie gelebt hat und an den Weinberg, in dem sie und die anderen Kinder herum gelaufen sind. Sie erinnert sich an eine Schlittenfahrt mit ihrem Opa, und wie er heruntergefallen ist und sie daraufhin „schrecklich geweint“ hat. „Ich kann mich auch erinnern, wie ich auf dem, wie sagt man? nostrador, auf dem Ladentisch immer auf einem grünen Kissen gelegen habe. Meine Mutter hat gehäkelt.“ An solche Dinge kann sie sich erinnern.
Daran, dass eines Tages ein Brief kommt, die Familie habe die Tschechoslowakei innerhalb von 48 Stunden zu verlassen, denn „mein Großvater und mein Vater hatten keine Erlaubnis zu arbeiten“, daran erinnert sie sich nicht. Der Bruder der Mutter hatte inzwischen über seine Arbeit für die Ha Shara gute Kontakte. Dadurch gelangt er an Einreisevisa nach Paraguay für die gesamte Familie.

Im September 1936 ist es dann soweit. Rut erinnert sich, dass sie alle zusammen mit dem Schiff gefahren sind. Zunächst im Zwischendeck, „also ganz unten“. Doch ihr Vater bekommt doch noch zwei Kabinen. Während Ruts Mutter und Großmutter seekrank flach liegen und zu nix zu gebrauchen sind, wie Rut lachend erzählt, „haben mein Vater und mein Großvater an den Feiertagen den Gottesdienst abgehalten, und die ganzen Leute von Bord sind runter gekommen.“ Und die Mitreisenden raten ihnen, sie sollen einfach in Argentinien aussteigen und nicht nach Paraguay weiter fahren. Die Argentinier würden das nicht merken. „Und es ist tatsächlich nichts geschehen“, sagt Rut Marx heute sehr zufrieden.

Die Mutter kocht auf einem Hocker und hat Mühe, die vielen Wanzen zu bekämpfen

Zunächst lebt die Familie in einem Immigrantenhotel „zehn oder vierzehn Tage“. Mit Nichts fangen die Kagans völlig neu an. Hilfe bekommen sie von einer jüdischen, russisch-polnischen Hilfsorganisation. „Dort haben mein Vater und mein Großvater eine Stellung bekommen.“ Sie wohnen in einem conventillo, einem sogenannten chorizo-Haus zu dritt in einem der vielen Zimmer ohne Fenster, mit einer Tür zum Gang. „Mit drei Betten, drei Matratzen, drei Stühlen, drei Teller, von allem drei“ erinnert sich Rut heute. Das Leben ist sehr primitiv. Die Mutter kocht auf einem Hocker und hat Mühe, die vielen Wanzen zu bekämpfen. Nach einem Jahr kommt Rut in eine argentinische Grundschule. Hier erlebt sie das erste Mal in ihrem Leben Antisemitismus. Sie erinnert sich daran, wie sie am heiligsten Tag der Schule die argentinische Flagge tragen soll, denn sie ist die beste Schülerin. „Wir waren so eine ganze Gruppe Kinder, und ich bin in der Mitte vorgegangen.“ Plötzlich schreit eine der Lehrerinnen, „ich werde es nie vergessen“, „Diese Jüdin darf nicht die argentinische Fahne tragen!“

Durch die Ehe fängt sie nun an Deutsch zu sprechen

Auch später an der Kunstschule, wo sie sich zur Werbegrafikerin ausbilden lassen will, ist sie mit Antisemitismus konfrontiert. Sie bricht die Schule ab und bildet sich autodidaktisch weiter. Bald darauf lernt sie ihren Mann kennen. Bis dahin spielt das Deutsche in ihrem Leben nur eine unterbewusste Rolle. Rut ist erst 19 Jahre alt, als sie heiratet, aber es ist eine gute Entscheidung, denn bis zum plötzlichen Tod ihres Mannes im Jahre 1997, habe sie eine „superglückliche Ehe“ geführt, sagt sie schwärmerisch. Durch die Ehe fängt sie nun an Deutsch zu sprechen, denn die Schwiegereltern legen Wert darauf.

„Ich betrete Deutschland nicht!“

1986 will ihr Mann im Rahmen einer Weltreise nach Deutschland, in seine Geburtsstadt Landau reisen. „Da hab ich zu ihm gesagt, „Du hast ja einen Knall. Ich geh‘ nach Deutschland? Ich betrete Deutschland nicht!“ Die damalige Entrüstung ist ihr heute noch anzusehen. Sie erzählt, wie sie ihn erwischen wollte und zu ihm sagt, „Wenn du mit mir in ein Konzentrationslager gehst, dann geh ich mit dir nach Landau.“ Sie fahren kurz darauf gemeinsam, besuchen Dachau, sehen sich Landau an. Ruts Mann ist blockiert. Er kann nichts fühlen. Er verschließt sich der Erinnerung. Sechs Monate später kommt eine offizielle Einladung aus Landau und sie fahren wieder hin. Auch die Schwester ihres Mannes, Edith Braun und ihr Mann sind eingeladen. „Und da hat sich was ergeben ganz besonderes“, erzählt sie und man kann deutlich hören, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Sie erzählt, wie in Landau ein Freundeskreis entsteht. „Bueno, es war ein schönes Gefühl. Es war besonders.“ Und dann sagt sie, „Ich gebe es zu, meine Meinung von Deutschland hat sich dadurch geändert.“

Heute will sie von Versöhnung sprechen

Auch ihr Sohn Daniel Marx wird nach Landau eingeladen. Ein Jahr will er bleiben. „Er ist gegangen, und er ist geblieben“ sagt die Mutter und ist nur ein bisschen traurig darüber. „Er hat vor vier Jahren geheiratet im selben Standesamt, in dem seine Großeltern geheiratet haben.“
Nach den vielen positiven Erlebnissen, die sie seit ihrem ersten Besuch in Landau hatte und nachdem ihr Sohn nun dort lebt und Familie hat, will sie heute von Versöhnung sprechen. „Wir haben viele Erlebnisse gehabt, die uns gut getan haben“, sagt sie und erzählt von einer Messe in der Landauer Kirche. Zum Andenken an die Juden, die über die Bahnhofsstraße raus zum Bahnhof getrieben wurden, haben einige Landauer deren Namen verlesen. Als sie das erzählt, muss Rut Marx weinen, „das werde ich nie vergessen.“ Und dann sagt sie, „Aber wenn du mich frägst, wo meine Heimat ist, dann sag ich, hier ist meine Heimat.“

Ein kleines Stück...
Deutschland
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