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ILSE KRAMER

„Ich wollte nie voluntaria werden in San Miguel, aber meine Schwester brauchte ein Auto.“ Und dieses Auto, das wäre eben sie gewesen, sagt sie lachend mit einer auffallend rauchigen Stimme. Rauchen ist eine ihre Leidenschaften. Ilse Kramer, eine zierliche Frau mit topmoderner Sonnenbrille, 88 Jahre alt. Gerade erst kam sie in die Wohnung ihrer älteren Schwester Lilo Brummer hereingeschneit. Es ist Freitagabend. Wie jede Woche hat Lilo auch heute wieder Freunde und Verwandte zu sich nach Belgrano zum Schabbat-Essen eingeladen. Ilse fehlt an diesen Abenden nie. Auch beim Bridge-Spiel einmal die Woche fehlt sie nie. Die Schwestern sind nicht zu trennen.

© Tim Hoppe

Geboren in Schweinfurt, aufgewachsen in Augsburg, hat sie Anfeindungen durch Nazis nicht erlebt. Im Gegenteil. Als Volontärin war sie 1933 bei einem großen Einkaufskonzern beschäftigt und dort hätten die Kolleginnen und Kollegen sogar für die jüdischen Mitarbeiter Geld gesammelt, „damit die auswandern können.“ Sie habe das Geld „zum Glück“ nicht gebraucht.

Sie ist diejenige, die sich nie Sorgen machte

Obwohl sie die jüngere der zwei Schwestern ist, war sie diejenige, die zuerst heiratete, mit 19, die zuerst das Land verließ, schon 1934, die ihre Schwester vier Jahre später zu sich holte und ein weiteres Jahr später die Eltern. Und sie ist diejenige, die sich nie Sorgen machte. „Meine Mutter hat noch am Schiff in Hamburg zu mir gesagt, „Ach, ist das nicht arg, so wegzufahren?“ Da habe ich gesagt, „Ich werde die reiche Tante aus Amerika.“ Der Abschied ist ihr nicht schwer gefallen, hatte sie doch das sichere Gefühl, alle nach und nach zu sich holen zu können. „Mein verstorbener Mann hatte in Buenos Aires Verwandte und eine gute Position bei Schering, und deshalb hatten wir es nicht schwer.“ Die Schwester nachzuholen war kein Problem. Aber bei den Eltern gab es Schwierigkeiten, denn ihr Vater war nur ihr Stiefvater. Doch die Zuversicht verließ Ilse Kramer nie. „Er wollte, dass meine Mutter alleine vorausfährt, aber das habe ich nicht gewollt, denn er war wie ein echter Vater für uns.“ Sie habe dann eine ganze Menge Geld an einen Fluchthelfer bezahlen müssen, „von dem wussten wir aber, dass er immer Erfolg hatte.“ Den Kopf hat sie sich also nicht zerbrochen. Und tatsächlich konnten die Eltern über Chile nach Buenos Aires einwandern. „Nein Angst, dass meine Eltern nicht aus Deutschland heraus kommen würden, hatte ich nie.“

„Der einzige Tag, wo du gut gelaunt bist ist, wenn du aus San Miguel kommst. Da haste was geschafft.“

Vor der ehrenamtlichen Arbeit im Hogar Adolfo Hirsch habe sie allerdings Angst gehabt, sagt sie und bricht in Gelächter aus. Die Arbeit mit alten Leuten habe sie sich schwer vorgestellt, „aber mei Schwester hat kei Ruh gegeben.“ So war sie eine Weile Lilos Privatchauffeurin und hat sich dazu überreden lassen, wenigstens einen Kurs zu machen, der sie zur Arbeit im Altenheim befähigen würde. „Ich habe dort sogar eine Abschlussarbeit geschrieben.“ Zusammen mit ihrer Freundin Hanni. Zu der sagte sie dann, „Hanni, jetzt sind wir berechtigt in San Miguel zu arbeiten, aber wir gehen net.“ Lange hat sie diesen Widerstand nicht durchgehalten. Mittlerweile fährt sie seit fast 40 Jahren raus und besucht Menschen, die genauso alt sind wie sie selbst. Und als ihr Mann noch lebte, da hat der am Donnerstagabend immer gesagt, „Der einzige Tag, wo du gut gelaunt bist ist, wenn du aus San Miguel kommst. Da haste was geschafft.“ Und das stimmt“, sagt sie mit ihrer rauchigen Stimme. Sie sieht sehr zufrieden aus.

Ein kleines Stück...
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