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ELFI STEINITZ

Rote Wangen hat sie. Vor Freude, und weil sie sich gerade geschminkt hat. Elfi Steinitz ist kein Kind von Traurigkeit. Die Liebe spielt in ihrem Leben bis heute eine große Rolle. Hier im Altenheim soll dafür kein Platz sein, finden manche. Das ist der 90jährigen egal. Gordon Krauß auch. Als der ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, wird sie sich gefragt haben, Warum nicht? Sie sagt, „Für mich bedeutet es, dass ich jemanden hab, für wen zu leben, für wen zu sorgen.“ Gordon Krauß nickt, „Ja.“ „Jemanden lieb zu haben“, fügt sie dann noch hinzu, und der Mann an ihrer Seite sagt, „Das ist sehr wichtig!“ Elfi Steinitz sitzt sehr aufrecht und lacht über ihr ganzes, kleines Gesicht. Auch Gordon Krauß lächelt und hält ihre Hand. Beide sehen sehr zufrieden aus.

© Tim Hoppe

„Ich bin Österreicherin nach dem Pass, aber sonst bin ich entwurzelt. Sie haben mich hinausgeschmissen!“

Neben all dem Glück hat die kleine alte Dame auch viel Bronk in sich. Das sei das österreichische Wort für Ärger, sagt sie sehr bestimmt. Ihr Ärger richtet sich gegen Österreich, das sie einmal sehr geliebt hat. „Alle Leute sagen immer, Wien sei so schön. Ich weiß“, sagt sie und fügt hinzu, dass sie trotzdem nie Sehnsucht gehabt hat. „Ich bin Österreicherin nach dem Pass, aber sonst bin ich entwurzelt. Sie haben mich hinausgeschmissen!“ Die Wienerin hat sich ihr Leben trotz allem nicht verderben lassen. Ihre Fröhlichkeit ist ihr geblieben.

Geboren wird sie am 4. Juni 1915. 23 Jahre hat Wien Zeit, sie zu prägen. Sie wächst in einem aufgeklärten Umfeld auf. Nach der Scheidung der Eltern lebt sie zunächst bei der Großmutter, dann bei Mutter und Stiefvater. In Wien besucht sie die Volksschule, das Gymnasium, und später macht sie ein technisches Abitur. Nie spürt sie den Antisemitismus, der im Österreich der 30er Jahre jedoch latent vorhanden ist.

Sie habe sich damals natürlich bedroht gefühlt

Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 ändert sich alles. Sie merkt die Veränderungen am eigenen Leib, als zwei Jungen nach der bestandenen Matura nicht zu ihr aufs Gartenfest kommen, weil sie Jüdin ist. Auch einige ihrer Professoren entpuppen sich als Nazis. „Sie zeigten plötzlich ihr wahres Gesicht.“ Elfi Steinitz erinnert sich sehr lebhaft an die Begeisterung, mit der die Österreicher die Nazis empfangen haben. „Die jetzige Behauptung, dass sie entsetzt waren, ist eine volle Lüge.“ Darüber ärgert sie sich am meisten. Sie habe sich damals natürlich bedroht gefühlt, und für sie und ihre Eltern sei sofort klar gewesen, dass sie Wien verlassen müssen. Kurz nach dem Anschluss des Landes an Nazideutschland, fahren sie mit dem Zug nach Budapest. Elfi Steinitz, die damals noch Elfi Lotte Graf heißt, wird nie mehr zurückkehren.

„Das war eine sehr böse Zeit.“

Der Stiefvater, ein Wissenschaftler, arbeitet von nun an in der anderen Donaustadt. Es geht der Familie solange gut, bis die Ungarn sie des Landes verweisen. „Meine Eltern sind nach England, wo man meinen Stiefvater reingelassen hat, weil er Wissenschaftler war. Und ich bin in Ungarn allein geblieben aus persönlichen Gründen. Ich hatte mich verliebt.“ Sie sagt, dass diese Liebe eine große Enttäuschung war. „Das war eine sehr böse Zeit.“ Ins Detail will sie nicht gehen. Doch sie erzählt, dass sie bald nachdem ihre Eltern nach England gegangen waren, ebenfalls das Land verlassen muss. Ein Anwalt bietet ihr Hilfe an und bringt sie in einen ungarischen Kurort, wo sie 14 Tage bleiben kann. „Das war 1939.“ Kurz darauf holt ein Onkel sie nach Jugoslawien, wo sie fortan durch eine Scheinehe mit einem seiner Freunde geschützt als Slowenin lebt. „Proschenak hab ich geheißen.“ Sie nimmt Sprachunterricht, der ihr helfen soll, nicht als Wiener Jüdin erkannt zu werden. Sie habe die Sprache dann ziemlich gut gelernt, sagt sie. Doch als die kroatischen Nationalisten ihren Widerstand gegen die Nazis aufgeben und kollaborieren, bekommt es ihr Scheinmann mit der Angst zu tun und bittet um Scheidung. Ihr Onkel und auch sie selbst hätten dafür natürlich Verständnis gehabt, sagt sie und lächelt. Mit einer Jüdin verheiratet zu sein, sei für ihn schließlich sehr gefährlich gewesen.

Sie ist gerade am Brunnen Wasser holen, als einige Nationalisten sie verhaften und in ein Lager bringen

Kurz darauf begegnet sie einem Bekannten wieder, einem Schüler, dem sie einmal Englischunterricht gegeben hatte. „Das war der Herr Steinitz.“ Sie verlieben sich und leben drei Jahre lang zusammen mit Elfis Onkel und seiner christlichen Frau, bei Bauern versteckt. „Wir haben auf einem Strohsack in der guten Stube in dem Bauernhaus gelebt.“
Sie leben zwischen den Fronten. Jugoslawien ist von den Deutschen und den Italienern besetzt, und zeitgleich herrscht ein Bürgerkrieg zwischen den Nationalisten und den Kommunisten. „Das war ziemlich kompliziert,“ sagt sie und erzählt, dass sie immer gezittert haben, aus Angst, dass irgend jemand sie verraten könnte. „Und es hat uns auch jemand verraten,“ sagt sie dann. Sie ist gerade am Brunnen Wasser holen, als einige Nationalisten sie verhaften und in ein Lager bringen. Weil sie in ihren Holzpantoffeln nicht laufen kann, geht sie die ganze Stecke barfuß. 15 Kilometer. Im Lager wird ihnen vorgeworfen, sie hätten mit den Kommunisten kollaboriert, sie hätte für die Gegner die Wäsche gewaschen. „Also, ich hab schon genug mit meiner Wäsche zu tun gehabt“, sagt sie heute lachend. Zum Lachen sei ihr damals allerdings nicht zumute gewesen. „Die Sache war ziemlich ernst.“
Doch im Hauptlager werden sie einem Oberst vorgeführt, der, als die Nationalisten noch gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatten, eine Nacht in ihrem Zimmer Zuflucht gesucht hatte. „Das war ein Oberst Jovanovic. Der hat uns sofort erkannt.“ Das war ihr Glück. Er versucht Elfi und ihren Mann davon zu überzeugen, auch zu kollaborieren, doch sie bleiben standhaft.

Eines Tages wird Elfis Mann aufgefordert, seine Kollegen zu bespitzeln

Später stellt sich heraus, dass dies eine gute Entscheidung war, denn unter den Kommunisten bekommt Elfis Mann „eine sehr gute Stellung“, wie sie sagt, „mit sehr guten Rationen und so weiter.“ Auch Elfi arbeitet. Sie gibt Englischunterricht für Journalisten. Bis zur Gründung Israels bleiben sie in Jugoslawien. In der Zwischenzeit haben sie längst geheiratet. Eines Tages wird Elfis Mann aufgefordert, seine Kollegen zu bespitzeln. „Da ist er nach Hause gekommen und hat gesagt, „Du, wir gehen.“ Und so gingen wir nach Israel.“
Doch ihr Schwager, der schon seit 1929 in Argentinien lebt, möchte seinen Bruder bei sich wissen, da der Rest der Familie durch die Nazis umgekommen ist. Mittlerweile leben Elfis Eltern in Schweden, und ihre Mutter ist stark herzkrank. Eines Tages bekommt sie einen Brief, der die Lage der Mutter dramatischer beschreibt als bisher. Also beschließt die Tochter, nach Schweden zu fahren „und mein Mann sollte in Israel alles auflösen, damit wir nach Argentinien ausreisen konnten.“ Doch der argentinische Gesandte in Israel will ihnen keine Visa geben. „Der hat uns immer vertröstet.“ In Italien bekommt ihr Mann paraguayische Visa. Dort trifft Elfi ihren Mann und von Genua aus reisen sie kurze Zeit später nach Südamerika. In Buenos Aires steigen sie einfach vom Schiff „und mein Schwager und sein Kompagnon haben uns begrüßt und dann sind wir hier geblieben.“ Das war 1951.

„Wir haben uns vom ersten Moment an sehr gut gefühlt. Nette Leute. So wie Italien.“

Elfi Steinitz ist sich mit ihrem neuen Mann Gordon Krauß einig, dass Argentinien ein gutes Land für Einwanderer war, damals. „Wir haben uns vom ersten Moment an sehr gut gefühlt. Nette Leute. So wie Italien.“ Sie sei schon als Kind viel gereist, und deshalb sei ihr die Fremde nicht fremd gewesen. Da ihr damaliger Mann Jugoslawe war, so die Wienerin, habe sie hauptsächlich mit jugoslawischen Juden Umgang gehabt. Doch viele alte Freunde und auch ihr erster Mann sind längst gestorben. Mit dem Jüdischen Hilfsverein hatte sie gar keinen Kontakt. Auf die Frage, warum sie dennoch nach San Miguel gegangen ist, sagt sie, „Weil ich keinen Menschen auf der Welt mehr habe!“ Kinder hat sie nie bekommen. Elfi hält Gordons Hand fest in der ihren. Hier in San Miguel hat sie auf ihre späten Jahre ein zweites Lebensglück gefunden. Vor einem Jahr haben sie im Altenheim in der Synagoge geheiratet. Nun gehen sie fast jeden Tag gemeinsam im Park spazieren, sie essen zusammen, lesen sich gegenseitig etwas vor oder spielen zusammen Theater.

Ein kleines Stück...
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