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EDITH NASSAU

Als sie das erste Mal wieder in Deutschland war, da hat sie sich geschämt, weil sie sich wohl gefühlt hat, erzählt Edith Nassau. Die waschechte Westfälin sitzt in ihrem rosa Kittel auf dem Sofa im Aufenthaltsraum im Haus Vier des Altenheims und denkt lange nach. „Ich habe mich so gefühlt, als ob ich nie weg gewesen wäre.“ Und das obwohl sie schon seit einer halben Ewigkeit in Argentinien lebt. Die voluntaria ist ganz und gar Westfälin geblieben. Selbst den Dialekt hat sie sich bewahrt.

© Tim Hoppe

„Ich habe viel zu viele Erinnerungen, keine guten.“

Am 9. Dezember 1921 kommt sie in Dortmund als Edith Gumbert zur Welt, und wächst in Brambauer und Lünen auf. „Das ist alles Westfalen, Kohlenpott“ erklärt sie. Obwohl sie noch sehr jung war, könne sie sich an die Machtübernahme der Nazis noch gut erinnern. „Ich habe viel zu viele Erinnerungen,“ sagt sie, „keine guten“.

Mit neun Jahren erlebt sie die ersten Pogrome. Sie und die anderen jüdischen Kinder werden aus der Schule rausgeschmissen und die jüdischen Geschäfte werden geschlossen. Auch das Geschäft des Vaters. Als Edith von der Schule nach Hause kommt, stehen die Nazis vor der Tür und wollen das kleine Mädchen nicht hereinlassen. „Da habe ich angefangen zu weinen und hab gesagt, „Ich wohn doch hier!“. „Was?“ haben sie gesagt, du bist ein jüdisches Kind? Du siehst doch gar nicht jüdisch aus“. Das sei das, was man so in Erinnerung habe, sagt sie. Obwohl Edith am nächsten Tag wieder zur Schule gehen kann, und auch die Eltern ihr Konfektionsgeschäft wieder öffnen dürfen, lebt Familie Gumbert von da an in ständiger Angst.

Auch ihren Vater wollen die Nazis holen

Die ersten Verhaftungswellen tun ihr Übriges. Familie Gumbert weiß, dass die jüdischen Männer in Konzentrationslager gebracht und viele auch ermordet werden, erzählt die heute 74jährge. Auch ihren Vater wollen die Nazis holen, „doch bei uns konnten sie nicht hoch.“ Der Vermieter ist kein Jude. Er lässt die Gestapo nicht ins Haus. Sie haben noch einmal Glück gehabt. „Ich werde das nie vergessen, wie sie geschellt haben, geschellt und geschellt.“ Edith Nassau läuft noch heute ein Schauer über den Rücken.
Gumberts wollen der Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Sie fassen schon früh den Entschluss, Deutschland zu verlassen. 1933 das erste Mal. Ediths Vater verkauft sein Geschäft und überweist 10.000 Mark nach Palästina, um dorthin auswandern zu können. Alles ist schon mit seinem Bruder abgesprochen. Auch er will mit seiner Familie nach Palästina, doch dann schreibt er, er würde doch nicht mitkommen, denn Hitler sei ja bald wieder weg. Edith Nassau erinnert sich, wie ihr Vater daraufhin „den Kopf verliert“ und sich 1934 ein großes Schuhgeschäft in Lünen kauft. „Ja! Dummerweise!“ Sie kann es heute kaum fassen. Die Familie zieht also erst einmal nach Lünen, doch dann wird es „immer schlimmer und immer schlimmer, und dann mussten wir das neue Geschäft auch verkaufen.“ Edith geht nach ihrem Schulabschluss auf eine jüdische Gartenbau- und Haushaltsschule in Ahlem bei Hannover, um sich auf die Auswanderung vorzubereiten. Sie ist 14 Jahre alt.

In der Zwischenzeit haben ihre Eltern beschlossen, mit der Jewish Colonization Association (JCA) nach Argentinien auszuwandern. Der Vater hat bald alle Papiere zusammen und trotzdem muss die Familie warten, denn sie sind nur zu dritt. Doch um mit der JCA auswandern zu können, muss die Gruppe größer sein. Also bitten sie den anderen Onkel, den Bruder der Mutter, sie zu begleiten. „Doch der hat dumme Sachen gemacht, hat geredet, irgend was gegen die Nazis gesagt.“ Daraufhin wird er verhaftet und ins Konzentrationslager deportiert. Mit der Verwandtschaft hätten sie immer Pech gehabt, sagt sie und lächelt etwas traurig, als sei das damals irgendein merkwürdiger Fluch gewesen. Nur der Sohn des Onkels wandert mit ihnen aus. „Aber seine Eltern und seine Brüder sind alle umgekommen im campo de concentración.“ Das ist die traurige Bilanz, die sie heute zieht.

Alle sind überglücklich und voller Angst zugleich

Am 11. August 1939 ist es dann endlich soweit. Mit der „Antonio Delfino“ verlassen sie den Hamburger Hafen „sozusagen mit dem vorletzten Schiff“, erinnert sie sich. Alle sind überglücklich und voller Angst zugleich, denn man rechnet jederzeit mit dem Ausbruch des Krieges. Als die „Antonio Delfino“ die europäischen Gewässer verlässt, wähnen sich alle 150 Juden an Bord in Sicherheit, doch als sie schon in Pernambuco, Brasilien sind, geht der Krieg los. Die Schifffahrtsgesellschaft will die Juden zurück nach Deutschland schicken, doch die deutschen Juden Brasiliens kommen ihnen zu Hilfe. Edith Nassau ist zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt und sie habe das damals genau begriffen, sagt sie, „ich war ja kein kleines Kind mehr. Sie weiß, „die deutschen Juden von Brasilien haben uns gerettet.“

Heuschreckenplagen, Trockenheit und dann wieder zu viel Regen

Das Leben auf dem camp in Entre Ríos ist vor allem für ihre Eltern hart. Heuschreckenplagen, Trockenheit und dann wieder zu viel Regen machen ein Weiterkommen unmöglich. „Wir hatten ja keine Ahnung von der Landwirtschaft.“ Doch Edith und die anderen jungen Leute amüsieren sich trotzdem. „Wir haben bailes gemacht und haben Grammophon gehört“, erinnert sie sich heute und sie muss lachen. „Es blieb uns nichts übrig,“ sagt sie, „als uns mit der neuen Situation zu arrangieren.“

Nach einem Jahr auf dem Land, geht sie nach Buenos Aires. Wie viele andere auch, arbeitet sie dort im Haushalt, bei „sehr netten Leuten“ und schickt das Geld zu ihren Eltern, weil die Ernte immer wieder schlecht ist. Nach drei Jahren geht Edith Gumbert aus Sehnsucht wieder zurück aufs camp. Sie heiratet. Trotzdem bleibt sie mit ihren Arbeitgebern aus Buenos Aires eng verbunden. „Die haben mich behandelt, wie ihr eigenes Kind.“ Bald kommt ein Brief, „sie möchten meinem Mann Arbeit geben. Bueno, da sind wir nach Buenos Aires gegangen.“

„Im Herzen bin ich Deutsche.“

Als die Mutter stirbt, holt Edith ihren Vater in die Stadt. Fortan arbeitet er für den Hilfsverein (AFI). So bekommt auch sie Kontakt.
Bis heute ist sie der AFI eng verbunden, auch weil ihr Vater die letzten Monate seines Lebens im Hogar Adolfo Hirsch sehr gut gepflegt wurde. Auch sie plant hierher zu kommen, wenn sie nicht mehr alleine leben kann. Denn wo sonst? Obwohl sie schon eine halbe Ewigkeit in Argentinien lebt, hat sie sich ihr eigenes kleines Deutschland geschaffen: Sie ist ausschließlich mit Deutschen befreundet, sie spricht mit ihren Kindern Deutsch und arbeitet seit sieben Jahren an zwei Tagen in der Woche im Altenheim für die deutschsprechenden Juden Argentiniens. Auch wenn die Erinnerungen an die Heimat noch so bedrückend sind, „im Herzen bin ich Deutsche.“

Ein kleines Stück...
Deutschland
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