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DORIS KAUFMANN

Dass der Vater Jude ist, haben die Töchter nicht gewusst

„Was ist eine Jüdin?“ fragt Doris Schwester eines Tages im Jahre 1936, als sie von der Schule nach Hause kommt. Auf der Straße war sie als solche beschimpft worden. Dass der Vater Jude ist, haben die Töchter nicht gewusst.

© Tim Hoppe

Doris kommt am 7. Oktober 1927 als Tochter des Ehepaares Hammerschmidt in Glatz in Schlesien zur Welt und wird, wie ihre zwei Jahre ältere Schwester, getauft. Die jüdische Verwandtschaft lebt in Pommern. Die Herkunft des Vaters hat bisher keine Rolle gespielt. Doch kurz nach dem Vorfall verliert der Vater seine Arbeit als Destillateur in einer Likörfabrik, weil er Jude ist. Von da an treibt Doris Mutter aus Sorge um ihren Mann und ihre Kinder die Auswanderung voran. Die Vorstellung, dass ihnen etwas passieren könnte, habe sie nicht ertragen können, erzählt die Tochter 70 Jahre später.

„Das war wirklich eine große Sache.“

In die USA oder nach Argentinien wollen die Eltern auswandern. Doch für Nordamerika bekommen sie kein affidavit, obwohl der Bruder des Vaters dort lebt. Die Einreisevisa nach Argentinien kann sich die Familie nicht leisten. Dann erinnert sich der Vater an einen Jugendfreund, der nach Paraguay ausgewandert war und schreibt ihm. Und tatsächlich fordert er sie an, obwohl er versichern muss, dass er für die Einwanderer aus Deutschland aufkommen wird. „Das war wirklich eine große Sache“, erinnert sich die 78jährige. Sie glaube aber schon, dass es für ihre Eltern schlimm war, Deutschland verlassen zu müssen. Sie selber hat das, wie sie sagt, „nicht so beeindruckt“.

„Es war alles schrecklich primitiv.“

Sie erinnert sich an die Überfahrt mit dem Schiff von Hamburg aus im Jahre 1938, die sehr schön war, wie sie erzählt, „denn wir sind Erster Klasse gefahren“. Geld dürfen die jüdischen Auswanderer 1938 schon nicht mehr mitnehmen, also beschließt der Vater, sein Geld in eine Luxusreise zu investieren. Den Rest des Geldes investiert er in Landwirtschaftliche Maschinen, denn „mein Vater hat sich eingeredet, er kann in Paraguay Landwirtschaft betreiben. Davon war er sehr begeistert.“ In Paraguay wird er schnell ernüchtert. Der Freund des Vaters hatte auf seiner Reisplantage am Río Paraná zwar ein kleines Haus für die Hammerschmidts gebaut, „aber es war alles schrecklich primitiv.“ Die Fenster haben kein Glas und es gibt kein fließend Wasser. Außerdem spricht keiner von ihnen Spanisch. Die Eltern tauschen alles mögliche ein, um an sinnvollen Besitz zu kommen: „einen Wintermantel gegen eine Kuh, oder soundso viele Hühner für was meine Eltern noch so hatten.“

Argentinien, das eigentliche Ziel, ist so nah, denn sie können nach Posadas in Argentinien gucken. „Auch in der Nacht konnten wir die Lichter sehen.“ Familie Hammerschmidt hat kein elektrisches Licht.

Ohne Verwandtschaft. „Das war sehr hart.“

Nach kurzer Zeit muss der Vater einsehen, dass es besser ist, die Landwirtschaft aufzugeben, um wieder in seinem alten Beruf zu arbeiten. Er beginnt, Liköre zu produzieren, und da es in Paraguay viele deutsche Kolonien gibt, hat er schnell sichere Kundschaft. In der ersten Zeit reitet er auf dem Pferd von Kolonie zu Kolonie, auf jeder Seite sechs oder acht Flaschen Schokoladenlikör und die selbstgebackenen Plätzchen der Mutter. Die beiden Mädchen helfen ein bisschen, aber sie gehen auch zur Schule. Drei Jahre später, als sich die Hammerschmidts ein wenig eingelebt haben, verunglückt der Vater mit dem Pferdewagen. Er ist 45 Jahre alt. Von nun an steht die Mutter mit ihren zwei halbwüchsigen Kindern alleine da. Ohne Verwandtschaft. „Das war sehr hart“, erinnert sich Doris Kaufmann und erzählt, wie schlimm es war, keine Verwandten in der Fremde zu haben, denn die Familie des Vaters hatten sie nicht mehr nachholen können. Sie erinnert sich, wie der Vater noch vor der Auswanderung seine Familie dazu bringen wollte mitzukommen. Ohne Erfolg. Wenige haben sich später noch nach Israel oder England retten können und „alle anderen sind umgekommen.“

Deutschland ist weit weg

Die Mutter führt das Likörgeschäft mithilfe der Töchter weiter. Doch bald heiratet Doris Schwester „den Günther“, wie Doris erzählt. Den hatte sie auf dem Schiff nach Südamerika im Jahre 1938 kennengelernt. Als die Schwester eine Freundin in Buenos Aires besucht, trifft sie ihn wieder „und da war‘s geschehen“. Sie heiratet und zieht nach Buenos Aires. Doris Kaufmann lacht, noch heute freut sie sich darüber, obwohl sie von da an mit ihrer Mutter allein in Paraguay lebt. Zehn Jahre nach dem Tod des Vaters stirbt auch die Mutter, und Doris folgt ihrer Schwester nach Argentinien. Das sei nicht leicht für sie gewesen, sagt sie. Obwohl sie keine Ausbildung hat, bekommt die 23jährige über den Bruder ihres Schwagers eine Stelle als Sekretärin bei „Bunge und Born“. Später geht sie zu einer Schweizer Versicherungsgesellschaft und arbeitet als Sekretärin für den Chef. Auch hier hat sie eine schwere Zeit, „denn mein Deutsch war nicht mehr so gut.“ Sie war längst Paraguayerin geworden. Deutschland ist weit weg. Zwar hatte die Mutter den Kontakt zu ihrer Familie, die nach dem Krieg in Sachsen lebt, immer gehalten, hatte sogar Pakete geschickt, als der Krieg vorbei war. Aber für die Tochter gibt es keinen rechten Bezug mehr. Dennoch besucht sie die Familie. Sie fährt mit gemischten Gefühlen und fühlt sich fremd in Deutschland.

Egal, wo sie war und mit wem, „ich habe nie gewusst, wo ich hingehöre.“

Bevor sie nach Südamerika auswanderte, hatte sich Doris Kaufmann nie jüdisch gefühlt. In der Emigration spielt für sie das Jüdische dann doch eine vergleichsweise große Rolle. Als sie 1956 heiratet, tritt sie zum Judentum über. Die Schwiegereltern wollen es so. Ihre Kinder sind folglich Juden, „aber sie machen keinen Gebrauch davon. Ich hätte es mir also sparen können.“ Seit 12 Jahren ist sie voluntaria im Hogar Adolfo Hirsch und kümmert sich um andere deutsche Juden. Sie ist der AFI sehr verbunden, auch weil die Großmutter ihres Mannes und die Schwiegermutter ihrer Schwester hier gestorben sind. In der Gesellschaft der deutschen Juden in Buenos Aires hat sie sich aber nie richtig integriert gefühlt. „Ich hatte immer das Gefühl, ich muss sagen, dass ich gar nicht jüdisch bin.“ Darunter habe sie immer sehr gelitten. Egal, wo sie war und mit wem, „ich habe nie gewusst, wo ich hingehöre“ und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.

Ein kleines Stück...
Deutschland
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