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Die Postkarte

Dezember 14, 2018

Jahrzehntelang hatten Waschkörbe voll mit Fotos auf einem Dachboden in Bockenheim gestanden. Die Besitzer des Hauses hatten sie geerbt, ohne zu wissen, was das im Einzelnen für Bilder sind. Darunter ein Foto, das von Flucht und Vertreibung erzählt.

Dies ist die Geschichte dieses einen Fotos. Es zeigt die Eltern von Hanna Grünwald, Emma und Moritz Mayer. Sie sitzen an Deck eines Schiffes, das sie im November oder Dezember 1938 nach Süd-Amerika bringt. Ein Schiffsfotograf hat es gemacht. Hanna Grünwald war die Flucht aus Nazideutschland bereits ein paar Monate früher geglückt, zusammen mit ihrem Mann Fritz und ihrer zwei Jahre alten Tochter Renate.

Hanna Grünwalds Eltern Emma und Moritz Meyer auf dem Schiff nach Argentinien, fotografiert vom Schiffsfotografen, Oktober 1938

Hanna Grünwalds Eltern Emma und Moritz Mayer, auf dem Schiff, fotografiert vom Schiffsfotografen, Nov. / Dez. 1938

Bei einem Zwischenstop in Rio de Janeiro gibt Hannas Vater die Karte auf. Mit einem Gruß an seinen besten Freund Wilhelm im gemeinsamen Heimatdorf Kleinbockenheim. Wilhelm sollte wissen, dass er und Emma in Sicherheit sind. Er schreibt "Mein lieber Freund...", aber er unterschreibt nicht. Sein Name, der Name des Juden Moritz Mayer, soll seinen Freund in Nazideutschland nicht in Gefahr bringen.

Fotos aus dem Nachlass von Hanna Grünwald zeigen sie und ihre Familie aus der Zeit vor, während und nach der Flucht.

HANNA GRÜNWALD

Das Bild, das Hanna Grünwalds Eltern auf dem Schiff zeigt, hat allerdings eine ganz besondere Geschichte.

Ein Besuch in der alten Heimat

1984 ist Hanna Grünwald zu Besuch in ihrer alten Heimat Bockenheim, zusammen mit ihrer Tochter und den zwei Enkelkindern. Die Bockenheimer sind über den Besuch aus Argentinien informiert und so kommt es, dass eine Winzerin sie zu sich nach Hause einlädt. Sie wohnt im Haus des Ehepaares Ruprecht, beide längst verstorben. Er, Wilhelm Ruprecht, war der beste Freund von Hannas Vater. Ihm hatte er auch die Postkarte geschrieben.
In diesem Haus ist Hanna also oft gewesen, damals, vor ihrer Flucht 1938. Hier hatte sie oft Kuchen gegessen und Kaffee getrunken. Hier hatte sie schon als Kind im Garten gespielt. Ein vertrauter Ort.

... aber zunächst auf keinem Foto ein bekanntes Gesicht

Die Winzerin holt Waschkörbe voller Fotos aus Ruprechts Hinterlassenschaft und bittet Hanna, sie durchzusehen. Sie könne mit den Fotos vielleicht etwas anfangen, meint sie. Es müssen sehr viele Fotos gewesen sein. Hanna, ihre Tochter und die Enkelkinder nehmen sich je einen Korb vor, um zu schauen, ob ein bekanntes Gesicht auftauchen würde. Was sie sehen: jede Menge Schützenfeste, Geburtstage, aber zunächst auf keinem Foto ein bekanntes Gesicht. "Doch dann habe ich plötzlich diese Postkarte gefunden," erinnert sich Hannas Tochter Renate heute, "wo mein Opa aus Rio anonym seinem Freund schreibt, dass es ihnen gut geht." Diese Postkarte habe sie alle umgehauen, denn niemand habe bis dahin von ihr gewusst.

Von hier ist ihre Familie vertrieben worden

Der Besuch in der alten Heimat weckt Erinnerungen. Auch traurige. Hanna Grünwald ist mittlerweile Ende 70 und hängt irgendwie immer noch an Kleinbockenheim*. Hier ist sie schließlich geboren, hier hat sie ihre Kindheit und Jugend verbracht. Aber hier hat sie auch erlebt, wie aus freundlichen Nachbarn über die Jahre überzeugte Nazis wurden, schon vor 1933. Von hier ist ihre Familie vertrieben worden.

Es bietet sich die Gelegenheit, das Haus des Familien-Patriarchen Siegmund Mayer zu besuchen. In diesem Haus ist auch der kleine Lothar geboren, Hanna Grünwalds Neffe zweiten Grades.

Hanna Grünwald mit ihrem Neffen Lothar (heute Larry, USA) in Bockenheim ca. 1937

Hanna Grünwald mit Lothar in Kleinbockenheim ca. 1935 (heute heißt er Larry und lebt in Chicago/ USA)

Lothar ist bei Hannas Eltern aufgewachsen, weil seine Mutter Alice im Kindbett gestorben war. Noch zu Lebzeiten hatte sie in diesem Haus ein eigenes Wohnzimmer eingerichtet.

Ihr Zimmer, unverändert

Als Hanna Grünwald mit ihrer Familie durchs Haus geführt wird, öffnet sie auch die Tür zu diesem Zimmer und es trifft sie fast der Schlag, erinnert sich die Tochter Renate heute. Unverändert sei es gewesen, gut 36 Jahre später. Die Möbel, die Vorhänge, der Teppich, die Bilder an den Wänden. Alles sei so gewesen, wie Alice es eingerichtet hatte. Alles so, wie Hanna es 1938 zuletzt gesehen hatte. "Das hat meine Mutter ganz schön mitgenommen."

Ein Nachtrag: Profiteur der Vertreibung

Das Haus hatte nach der Arisierung und der Vertreibung der Familie von Hanna Grünwald Ende der 1930er Jahre, der Kleinbockenheimer Nationalsozialist Jakob Blasius übernommen. "Sein Bekenntnis zum Nationalsozialismus ist unstrittig", schreibt der Ludwigshafener Stadtarchivar Dr. Klaus J. Becker auf Anfrage. Nach dem Krieg wurde Blasius Bürgermeister von Bockenheim und blieb es, nach 1956 als Ehrenbürgermeister, für lange Zeit.

* 1956 wurden die Orte Klein- und Großbockenheim zu Bockenheim zusammengelegt.


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