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AUFBAU IM UNTERGANG – Teil IV

Januar 6, 2020

Detlef Aberle
AUFBAU IM UNTERGANG

4. KAPITEL

Wenn es einem der Klassenkameraden, oder besser gesagt seinen Eltern, gelang die Auswanderung zu sichern, machte sich sofort ein gewisser Abstand zwischen ihm und dem Rest der Klasse bemerkbar. Denn gegen Ende 1937 war es fast jedem klar geworden, dass des Bleibens in diesem Lande nicht mehr war, auch wenn man noch so begeistert Goethe und Schiller deklamierte. Es war jedoch keineswegs leicht, ein Visum für ein fremdes Land zu erhalten und der Umzug einer Familie kostete Geld. Auch zu jener Zeit, wie so oft, zeigte sich, dass die sozial besser gestellten es leichter hatten das Schiff zu verlassen. Auch die sinkende Titanic zog ja bekanntlich verhältnismäßig wenig Passagiere erster Klasse in die Tiefe. So schämten sich die Bevorzug­ten allzuviel von ihren Plänen zu erzählen und die weniger glück­lichen hätten es nie gewagt sich so etwas wie Neid einzugestehen; so sprach man wenig über die bevorstehende Ausreise.

Mein Vater war von Zweifeln geplagt

Meine Eltern hatten schon 1935 begonnen ein passendes Land auszusuchen. Besonders meine Mutter drängte auf baldige Auswanderung; mein Vater war von Zweifeln geplagt. Denn meine Mutter hatte es leicht auf die immer heftigeren Radio­ansprachen hinzuweisen, mit denen der grosse Führer die Aus­rottung der Volksverderber versprach. Es war mein Vater, weit über 50, der im fremden Land die Familie zu ernähren hatte. Und wenn auch in Deutschland sein Geschäft immer mehr zurück- ging und schließlich für Juden ganz verboten wurde, so hatte er noch seine Ersparnisse. Diese jedoch mussten hundert­prozentig abgegeben werden, als „Reichsfluchtsteuer“ sobald man das Land verließ, man konnte zu jener Zeit gerade noch sein ganzes Hab und Gut in der Form von Möbel und Gebrauchs­gegenständen, aber nicht in klingender Münze mitnehmen.

Argentinien war besser, doch war es nicht leicht, ein Visum zu bekommen

So begannen meine Eltern ab 1935 lange Reisen zu unter­nehmen, um die in Frage kommenden Länder kennen zu lernen. Wenn ich heute an die Kommentare denke, die in deutschen Landen aufgewachsene Auswanderungskandidaten machten, muss ich wehmütig lächeln. In Palästina war auch kein Friede, Juden wurden in den Autobussen von Arabern mit Steinen beworfen. In Brasilien hatte man das Gefühl in der Wildnis zu leben; vor der Hauptpost in Sao Paulo war, mitten auf dem Platz, ein Riesenloch in der Strasse: Konnte ein an Ordnung gewohnter Mensch da leben? Argentinien war besser, doch war es nicht leicht, ein Visum zu bekommen; jüdischen Einwanderern wurde die Einreise erschwert. Es war die Zeit der zu trauriger Berühmtheit gelangten Konferenz von Evian, niemand zeigte grosses Interesse Verfolgte aufzunehmen.

Die „Schwestern Lehmann“

Während der Reisen meiner Eltern wohnten wir bei den Schwestern Lehmann. Klara „Clärchen“ Lehmann führte mit ihrer Schwester Anna eine private Vorschule für jüdische Mädchen. Als meine Schwester in das schulpflichtige Alter kam, war an eine öffentliche Vorschule, wie ich sie noch besucht hatte, nicht mehr zu denken und sie wurde also zu den „Schwestern Lehmann“ geschickt. Assimilietere Juden kann man sich nicht vorstellen. Es war keine „jüdische“ Schule, sondern eben eine von Juden geführte deutsche Privatschule, in der – der Zeit entsprechend – nur jüdische Mädchen Lesen, Schreiben und Rechnen lernten und von den gütigen Schwestern bemuttert wurden.

Das Haus der Schwestern Lehmann in der Heilwigstraße 46 in Hamburg/ Foto: Corinna Below

Das Haus der Schwestern Lehmann in der Heilwigstraße 46 in Hamburg 2019/ Foto: Corinna Below

Wie so viele völlig assimilierte Juden verstanden sie die Zeit immer weniger, konnten das Erlebte nicht fassen. Das grosse schwarze Gedenkbuch in meiner Bibliothek „Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus“ erwähnt als Todestag der Schwestern Lehmann den 6. Januar 1942 in der Kategorie „Personen, die unter dem Drucke der Verfolgung den Freitod wählten“. Mir sind die Nachmittags-Tees unvergesslich geblieben, an denen wir um den Wohnzimmertisch saßen und enorme Mengen Zwieback mit Orangenmarmelade verschlangen.

 Stolpersteine der Schwestern Anna und Clara Lehmann Heilwigstraße 46 in Hamburg/ Foto: Corinna Below

Stolpersteine der Schwestern Anna und Clara Lehmann Heilwigstraße 46 in Hamburg/ Foto: Corinna Below

Auch Iteb, die solange neben meinem Pult die Schular­beiten überwacht hatte und der ich eine deutliche Besserung meines Lernvermögens und folglich meiner Noten, zu verdanken hatte, kam nicht mehr. Eines Tages blieb sie unangemeldet weg und mir wurde gesagt, dass sie verhaftet und in das Zuchthaus Fuhlsbüttel eingeliefert worden sei. Nach ihrer Entlassung wanderte sie Stunden später aus, nicht ohne sich von mir verabschiedet zu haben. An ihrem Hals sah man die Narben eines Selbstmordversuchs. Sie wurde später Professor für Psychologie an der Universität Sao Paulo.

Ja, es wurde für Juden in Deutschland immer schwerer

Ja, es wurde für Juden in Deutschland immer schwerer und auch wenn meine Familie von direkten Folgen verschont blieb, fühlte man die feindliche Umwelt immer mehr. Da entsinne ich mich zum Beispiel meines 15. Geburtstags, dem letzten vor unserer Auswanderung, an dem ich mit meinem Vater mit der Hochbahn, so nennt man in Hamburg die abwechselnd über und unter der Erde fahrende Untergrundbahn, von der Station Sierichstraße zum Adolf Hitler Platz fuhr. Ich war noch sehr kindlich und da 15 Jahre die Grenze war, ab der Jugendliche den vollen Fahrpreis zu entrichten hatten, schien es mir eine gute Idee, zur Feier des Tages auf der Hinfahrt den halben, auf der Rückfahrt den ganzen Preis zu entrichten. Leider saß bei unserer Rückkehr in die Sierichstraße derselbe Beamte am Kontrollschalter, der die Fahrkarte für die Hinreise verkauft hatte. Seine Pfeife tönte schrill, der Stationsvorsteher und ein Polizist kamen herbeigestürmt und wieder einmal war der Beweis geliefert, dass Juden, wo auch immer, den Staat zu betrügen suchten. Dieser Witz hätte absolut schlecht ausgehen können.

Detlef Aberles Abschlusszeugnis/ Quelle: Detlef Aberle

Detlef Aberles Abschlusszeugnis, S. 1/ Quelle: Detlef Aberle

Detlef Aberles Abschlusszeugnis, S. 2/ Quelle: Detlef Aberle

Detlef Aberles Abschlusszeugnis, S. 2/ Quelle: Detlef Aberle

Mein Vater hatte nämlich nun, außer Angst, eine Art „Lebensfieber der letzten Monate“

Etwa gleichzeitig mit meiner bestandenen Reifeprüfung für die Obersekunda einer Oberrealschule, dem sogenannten „Einjährigen“, die damals nach beendeter Obertertia abgelegt wurde, hatte mein Vater es geschafft, das Einreisevisum für Argentinien zu erhalten. Auch von jenen letzten Monaten sind mir wenig konkrete Erinnerungen geblieben, doch hatten sie eine fast fiebrige Tönung. Mein Vater hatte nämlich nun, außer Angst, eine Art „Lebensfieber der letzten Monate“. Sein ganzes Leben lang war er sehr konservativ eingestellt gewesen, besonders in ökonomischen Fragen. Als blutarmer Lehrling hatte er seine Laufbahn begon­nen und schließlich eine kleine aber angesehene Privatbank besessen, die dann geschlossen werden musste, da Juden sich an der Börse nicht mehr betätigen durften. Seine harten Jugend­jahre nie vergessend, schien es ihm angebracht, zwar in „wichtigen“ Dingen grosszügig zu sein, wie zum Beispiel Wohnen, Essen, Bildung, Gesundheit, Reisen, doch jede „über­flüssige“ Ausgabe schien ihm leichtsinnig. Reisen konnte man auch dritter Klasse. Um gut zu wohnen, benötigte man keine Villa mit Garten im elegantesten Vorort. Gut essen schließt nicht Wasser als das gesündeste Getränk aus. Anstän­dige Kleidung bedeutet nicht Maßanzüge beim Modeschneider, kurz, der solide Mensch ist bescheiden. Nun aber war eine merk­würdige Situation eingetreten: In wenigen Monaten mussten alle Ersparnisse als Reichsfluchtsteuer abgegeben werden, was man nicht heute kaufte und im Lift mitnahm – ohne Übertreibung natürlich, denn das war gefährlich – war verloren. So wurde plötzlich ein Klavier gekauft, vielleicht wollte später einmal ein Kind Klavier lernen, auch ein Akkor­deon und ich wurde zum Maßschneider geschleppt, um mir reichlich Kleidung anzu­passen. Der Schneider, Besitzer des Konfektionshauses „Der gut gekleidete junge Herr“, Lippmann mit Namen, beschwerte sich bitter: Nun gerade ginge sein Geschäft besser denn je und es nutze ihm nichts, ja, es sei das Geschäft, das ihn mitriss und ihn nicht dazu kommen lasse die Auswanderung vorzu­bereiten. Es nahm kein gutes Ende mit ihm.
Aber es wurde nicht nur eingekauft. Man machte Ausflüge in die nahe Umgebung, die man ja nie wieder sehen würde. In einer Atmosphäre von Spannung und Angst lebte man zum erst einmal auf „grossem Fuss“.

Es war nicht leicht, diese seelische Heimat zu verlassen

Auch ich erlebte meine religiöse Tätigkeit im Tempel besonders intensiv, denn es war ja nicht leicht, diese seelische Heimat zu verlassen. Das letzte „Pessach“-Fest wurde gefeiert, zum Gedenken des Auszugs der Juden aus Aegypten. Ausserdem hatte ich seit kurzem entdeckt was ein kulturelles Erlebnis bedeutet. Jüdischen Künstlern war das Auf­treten an deutschen Theatern und in deutschen Musik­darbietungen ver­boten und es wurde natürlich auch ungern gesehen wenn Juden Theater oder Konzerte besuchten. So wurde kurz vor unserer Auswanderung der „Jüdische Kulturbund“ gegründet, der, ähnlich der Schule von Clärchen Lehmann, oft nur der Künstler und des Publikums wegen jüdisch war. Dargeboten wurde beste deutsche Kunst.

„Juden unerwünscht“

Zu jener Zeit ging ich auch zum ersten Mal in die Oper und zwar mit dem zweiten Kantor des Tempels: Er bestand darauf unbedingt mit mir „La Bohème“ anzusehen, obwohl an der Kasse in grossen Lettern zu lesen war „Juden unerwünscht“. In der Pause erfuhr ich dann, warum er unbedingt dieser Aufführung beiwohnen wollte, nachdem ich ihm hoch und heilig versprochen hatte nie jemandem das große Geheimnis zu erzählen: Bei der „Mimi“, der berühmten arischen Sopranistin, nahm er Gesangsunterricht. Mir lief es kalt über den Rücken, das war fast Rassenschande, ein Fall für den Stürmer, „Jüdischer Religionsdrahtzieher infiziert deutsches Künstlertum“.

„Adé nun, mein lieb Heimat­land“

Der Tag kam, an dem die ganze Familie zur Überseebrücke fuhr und den Dampfer bestieg. Das Leben, bei weitem der beste Regisseur, sorgte dafür, dass der Vorhang mit einer komischen Note fiel: Eine Kapelle spielte „Adé nun, mein lieb Heimat­land“, neben mir stand mein weinender Vater, der Abstand zwischen Schiff und Pier begann schon größer zu werden, da bemerkte man einen Aufruhr unter den Zuschauern. Eine etwa fünfzig­jährige Dame boxte sich mit garnicht damenhaften Stößen in die erste Reihe, bemüht gleichzeitig einen Käfig mit einem Kanarienvogel vor den Stößen des empörten Publikums zu schützen.
Seit 1935, den „Nürnbergern Gesetzen“, war es Juden verboten Dienstmädchen zu beschäftigen, die jünger als 45 Jahre waren. So sollte Rassenschande vermieden werden, denn das furchtbare Los des weiblichen Dienstpersonal im Hause lüsterner Juden war ja bekannt. Aus diesem Grund wurde unser Haushalt seit Jahren von Fräulein Scheel betreut, die in jedem Theater als komische Alte hätte auftreten können. Nun stellte sie dies zum letzten Mal unter Beweis: Laut rufend schwenkte sie den Käfig, damit wir noch von unserem Kanarienvogel Ziep Abschied nehmen konnten.

Wohnhaus von Detlef Aberle, Gryphiusstraße 5 in Hamburg/ Foto: Corinna Below

Wohnhaus von Detlef Aberle, Gryphiusstraße 5 in Hamburg/ Foto: Corinna Below

Zu den Klängen „Leb wohl nun, mein lieb Heimatland“, neben mir mein weinender Vater, vor mir ein pendelnder Käfig mit Kanarien­vogel, so sehe ich das Ende meiner Schulzeit im Dritten Reich.

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Comments

  1. Walter Schaff - Januar 9, 2020 at 9:35 am - Antworten

    Eine bewegende Geschichte großartig erzählt und wiedergegeben! Ganz hervorragend!

    Ein wertvolles Dokument der Zeitgeschichte von einem einzigartigen Zeitzeugen.

    • Corinna Below - Januar 9, 2020 at 2:07 pm - Antworten

      Lieber Herr Schaff, danke für Ihren Kommentar. Darüber freue ich mich sehr!
      Die Geschichte von Detlef Aberle geht weiter, sobald ich die passenden Bilder beisammen habe.
      Beste Grüße


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