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ANNELIESE MEYER

Es ist schon fast zehn Uhr, und Anneliese Meyer ist gerade erst aufgestanden. Seit geraumer Zeit fällt es ihr an manchen Tagen schwer aufzustehen. Dann überkommt sie diese Traurigkeit. Dabei ist das Hogar Adolfo Hirsch schon seit einer halben Ewigkeit eine Art Zuhause. Sie sitzt auf ihrem frisch gemachten Bett in ihrem kleinen Zimmer, kämmt sich die Haare und sagt, „Es gibt viele Tage, an denen es sich lohnt aufzustehen, aber manchmal, no.“

© Tim Hoppe

Bevor sie in dieses Altenheim nach San Miguel zieht, arbeitet sie dort zehn Jahre lang als Oberschwester und bringt ihren Schülerinnen bei, wie man nach deutschem Standard alte Leute versorgt. „Früher war ich für andere da und heute kümmern sie sich um mich.“ Das ist der Lauf der Dinge, und das weiß sie. Blickt sie auf ihr langes Leben zurück, dann weiß sie auch, dass ihr Beruf ihr das Leben gerettet hat. Aber wahrscheinlich hätte sie diesen Beruf nie gelernt, wenn ihr Leben nicht bedroht gewesen wäre.

„Wir wussten noch nicht mal, dass Levi ein jüdischer Name ist.“

Eines Tages kommt Annelieses Vater zu seinen drei Kindern und sagt, „Ihr müsst etwas Praktisches lernen, damit ihr auswandern könnt“.
Anneliese kommt am 29. Mai 1912 in Düsseldorf als Tochter des Schauspielerpaares Paul Henckels und Cecilia Brie zur Welt. Beide Eltern sind nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten Halbjuden, ohne, dass es für das Leben der Familie bis 1933 eine Rolle spielt. „Wir haben nichts davon gewusst,“ erinnert sich die Tochter heute, „wir sind sogar katholisch getauft.“ Sie erinnert sich an Herrn Levi, der ihnen Zeichenunterricht gab. „Wir wussten noch nicht mal, dass Levi ein jüdischer Name ist. Mensch war Mensch!“ Anneliese und ihre Geschwister wachsen an der Freien Schul- und Werkgemeinschaft auf, einem Landschulheim in Letzlingen bei Magdeburg, weil ihre Eltern, die inzwischen geschieden sind, mit Film und Theater ständig unterwegs sind. Auch in den Sommerferien bleibt Anneliese lieber dort, weil ihre Stiefmutter Migräne bekommt, wenn die Kinder da sind. Im Sommer 1933, „als die Hitlerei schon angefangen hat,“ wie Anneliese Meyer es ausdrückt, kommen eines Tages SA-Männer und nehmen den Direktor mit. Die Schule wird geschlossen, doch Anneliese darf noch ein paar Tage bleiben, weil ein SA-Mann selbst Schauspieler ist und ihren Vater sehr verehrt.

Gustav Gründgens habe seine Hand über ihn gehalten

Mit dem Ziel auszuwandern, entschließt sich die 21jährige, Krankenschwester zu lernen. Eine Freundin aus Kindertagen arbeitet inzwischen als Oberin im Paulinenhaus, einem Berliner Krankenhaus. Bei ihr ruft Paul Henckels an und sagt, „Hör mal zu, meine Tochter muss auswandern, sie kann aber nirgendwo mehr was lernen, sie hat jüdisches Blut.“ Da habe sie gesagt, „Schick sie mir.“ Anneliese macht ihre Ausbildung und schließt mit einem Schwesternexamen ab. „Niemand hat gewusst, dass ich jüdisches Blut hab, weil sie es für sich behalten hat.“ Auch der Vater hat einen Beschützer, so die Tochter. Sein ehemaliger Schüler und Kollege Gustav Gründgens habe bis zum Ende der Naziherrschaft seine Hand über ihn gehalten.

„Es war natürlich sehr schwer, Deutschland zu verlassen.“

Doch Anneliese und ihre Geschwister und auch die Mutter müssen außer Landes. Einer von Annelieses Kollegen ist Arzt der argentinischen Botschaft in Berlin und daher weiß er, dass in Buenos Aires eine Babyschwester gebraucht wird, die Deutsch spricht. Die frisch examinierte Anneliese packt sofort ihre Koffer und verlässt ihre Heimat 1936 mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche, wie sich die heute 93jährige erinnert. „Es war natürlich sehr schwer, Deutschland zu verlassen, vor allem weil ich ja nicht wusste, was wird.“ Erst später kommt auch ihr Bruder als Landwirt nach Argentinien und die Schwester wird von einer jüdischen Organisation als Dienstmädchen nach Neuseeland geschickt. Ihre Mutter findet Unterstützung durch anthroposophische Freunde und gelangt ebenfalls nach Argentinien.

Einer der Männer gefällt ihr sehr

Buenos Aires gefällt der jungen Anneliese Henckels besser, als sie gedacht hätte. Sie ist neugierig und erkundet die Stadt, wenn sie frei hat. Auch Spanisch lernt sie im Laufe der Zeit. Und sie singt in einem jüdisch-deutschen Chor, denn schon in Deutschland hat sie leidenschaftlich gern gesungen. Einer der Männer gefällt ihr sehr. Fritz ist sein Name. Als sie mit ihm und den anderen Chormitgliedern am Tigre spazieren geht und ein Dackel um sie herumläuft, sagt Fritz, „Wenn wir verheiratet sind, werden wir auch einen Dackel haben.“ Die alte Dame sitzt mittlerweile fertig zurecht gemacht auf einem Stuhl an ihrem Tisch und bekommt bei der Erinnerung an diese Situation ein glückliches Gesicht. Sie habe ihn daraufhin gefragt, „Was wollen Sie?“ Und da habe er wie selbstverständlich geantwortet, „Ja, ja, ich will Sie heiraten.“ Und so heiratete sie in erster Ehe einen „durch Hitler nicht gewordenen Musiker“, wie sie sagt.

Fritz ist ein engagierter Philanthrop und mischt eifrig beim Jüdischen Hilfsverein mit. Da ist es selbstverständlich, dass auch die junge Ehefrau mitmacht. Sie bekommen zwei Töchter und richten sich ihr Leben in der neuen Heimat ein. Bald darauf stirbt Fritz an einem Herzinfarkt. Da trifft es sich gut, erzählt sie, dass das Hogar Adolfo Hirsch immer größer wird und der Vorstand eine Oberschwester einstellen will. Also beginnt sie im Dienste des Jüdischen Hilfsvereins zu arbeiten und lernt bald ihren zweiten Mann kennen, dessen Namen sie heute trägt.

„Ich versteh nicht, warum alte Leute sich bis zum Tod hinschleppen müssen.“

Sie kennt sich im Heim bestens aus und wird bevorzugt behandelt, wie sie sagt. Viele kennen sie von damals, als sie noch das Zepter in der Hand hielt. „Wenn ich was möchte, „Anneliese…“ Sie macht eine Handbewegung, als wolle sie sagen, dass ihr jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird. Aber das nützt ihr nicht viel, wenn diese bleierne Traurigkeit über sie kommt.
Nie wieder ist sie nach Deutschland zurückgekehrt, „Ich wollte diesen Abschied nicht wieder.“ Dieser Abschied ist wohl einer der Gründe, warum sie oft traurig ist. Aber damit ist sie nicht allein im Heim, und das Gute ist, erzählt sie, dass viele Anteil nehmen. Letztens ist sie dem Direktor auf dem Flur begegnet. Er fragte, „Anneliese, como está?“ Darauf sagte die ehemalige Oberschwester, „Ich bin depressiv. Ich hab keine Lust mehr. Ich versteh nicht, warum alte Leute sich bis zum Tod hinschleppen müssen.“ Da hat er gesagt, „Wie können Sie so etwas sagen? Das passt überhaupt nicht zu Ihnen. Aber hier, los! Machen Sie mal schön weiter“ Und da ging es ihr auch schon wieder ein bisschen besser.

Ein kleines Stück...
Deutschland
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